DIS-Struktur im Kindesalter verstehen – Wenn Kinder viele sind

DIS bei Kindern – Stellt euch vor: Ein sechsjähriges Kind malt gerade ein Bild, konzentriert und versunken. Zwei Minuten später sitzt es am selben Tisch, schaut das Bild verwirrt an und fragt: „Wer hat das gemalt?“ Die Erzieherin lächelt und sagt: „Du doch, Emma!“ Aber das Kind schüttelt den Kopf: „Ich heiße nicht Emma.“

Solche Momente verunsichern Eltern, Lehrkräfte und Bezugspersonen zutiefst. Ist das noch „normale“ kindliche Fantasie? Ein Rollenspiel, das zu intensiv wurde? Oder steckt mehr dahinter?

Die Wahrheit ist: Manchmal ist „mehr als eine Person sein“ für Kinder kein Spiel, sondern Überlebensstrategie. Eine dissoziative Identitätsstruktur (DIS) kann bereits im Kindesalter entstehen, und genau deshalb ist es so wichtig, die Zeichen zu verstehen. Nicht, um Kinder zu pathologisieren oder in Panik zu verfallen, sondern um ihnen genau die Unterstützung zu geben, die sie brauchen.

Früherkennung kann Leben retten. Oder zumindest Leidenswege verkürzen und Entwicklungschancen verbessern. Und deshalb sprechen wir heute darüber: ehrlich, faktenbasiert und ohne Dramatisierung. Denn wenn wir als Gesellschaft lernen, die Zeichen zu lesen, können wir Kindern helfen, bevor aus Überlebensstrategien lebenslange Belastungen werden.

Lasst uns gemeinsam verstehen, was DIS im Kindesalter bedeutet, wie sie sich zeigt und wie wir die Viele-Kinder am besten begleiten können.

Was ist DIS bei Kindern?

DIS bei Kindern, also eine dissoziative Identitätsstruktur, entsteht nicht einfach so. Sie ist die Antwort eines kindlichen Nervensystems auf Situationen, die es nicht anders bewältigen kann. Konkret: auf wiederholte, schwere traumatische Erfahrungen in einem Alter, in dem die Persönlichkeit sich noch entwickelt und formt.

Wie entsteht DIS bei Kindern?

Die Grundlage bildet ein neurobiologischer Schutzmechanismus. Wenn ein Kind wiederholt mit überwältigenden Erfahrungen konfrontiert wird – seien es körperliche Gewalt, emotionaler Missbrauch, Vernachlässigung oder andere Formen von Trauma – und keine Möglichkeit hat zu fliehen, schaltet das Gehirn auf Notfallmodus. Dissoziation ist diese Notfallmaßnahme: Das Bewusstsein spaltet die Erfahrung ab, damit das Kind weiterfunktionieren kann.

Bei den meisten Kindern bleibt Dissoziation eine vorübergehende Reaktion. Bei manchen jedoch, besonders wenn die traumatischen Erfahrungen früh beginnen, lange andauern und keine sichere Bezugsperson verfügbar ist, wird diese Strategie zum Grundbaustein der Persönlichkeitsentwicklung. Verschiedene „Ichs“ übernehmen verschiedene Aufgaben: Eines hält die schlimmen Erinnerungen, eines funktioniert im Alltag, eines tröstet, eines beschützt.

Die Forschung zeigt, dass DIS sich typischerweise in der frühen Kindheit entwickelt, wenn schwere Traumata vor dem sechsten Lebensjahr auftreten. Nach dem Alter von etwa sechs bis neun Jahren ist die Persönlichkeit bereits zu integriert, als dass sich eine dissoziative Identitätsstruktur noch bilden könnte [Quelle]. In dieser frühen Phase ist die Persönlichkeit formbar genug, dass sich separate Identitätszustände als Überlebensstrategie entwickeln können [Quelle].

Hier findet ihr weitere kompakte Infos zur Entstehung einer DIS:

DIS bei Kindern – Der Unterschied zu „normalem“ Fantasiespiel

Hier wird es wichtig: Fast alle Kinder haben Fantasiefreunde, schlüpfen in Rollen oder spielen verschiedene Charaktere. Das ist gesund, kreativ und Teil der normalen Entwicklung. Bei DIS geht es um etwas anderes.

Der Unterschied liegt in drei Bereichen:

Kontrolle: Beim Fantasiespiel weiß das Kind, dass es spielt. Es kann jederzeit aus der Rolle aussteigen. Bei DIS erleben Kinder häufig, dass sie die Kontrolle verlieren, dass „jemand anderes“ plötzlich übernimmt oder dass sie sich an bestimmte Zeiträume nicht erinnern können.

Konsistenz: Fantasiefreunde kommen und gehen. Sie ändern sich, verschwinden, tauchen wieder auf. Bei DIS bleiben die verschiedenen Persönlichkeiten über längere Zeit stabil und zeigen konsistente Verhaltensweisen, Vorlieben und Reaktionen.

Funktionalität: Fantasiespiel dient der Verarbeitung von Alltäglichem, dem Ausprobieren von Rollen, der Kreativität. Bei DIS dienen die verschiedenen Identitätszustände dem Überleben, der Bewältigung von Unerträglichem.

Ein Kind, das mit seinem Fantasiefreund spricht, kann erklären, wer das ist und warum es gerade mit ihm redet. Ein Kind mit DIS-Struktur reagiert manchmal selbst verwirrt, wenn es nach bestimmten Verhaltensweisen gefragt wird, oder bestreitet, etwas getan zu haben, woran sich andere genau erinnern.

DIS bei Kindern vs. Fantasiespiel

DIS bei Kindern – Entwicklungspsychologische Einordnung

Wichtig zu verstehen: DIS ist keine „Störung“ im Sinne eines defekten Systems. Es ist eine hochkreative Überlebensstrategie eines extrem belasteten Kindes. Das kindliche Gehirn ist so formbar und anpassungsfähig, dass es diese Lösung findet, wenn alle anderen Schutzmechanismen nicht greifen.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht macht das absolut Sinn. Kinder können ihre Situation nicht verlassen, nicht rational verarbeiten, nicht um Hilfe bitten, wenn die Gefahr von z.B. vertrauten Personen ausgeht. Also findet das Nervensystem eine andere Lösung: Die unerträglichen Teile werden abgespalten, damit das Kind im Alltag funktionieren kann.

Was tragisch ist: Genau diese brillante Überlebensstrategie wird später oft als „psychische Erkrankung“ pathologisiert, statt als das gesehen zu werden, was sie ist – ein Beweis für die unglaubliche Anpassungsfähigkeit und Überlebenskraft von Kindern.

DIS bei Kindern – Anzeichen erkennen

DIS zeigt sich bei Kindern anders als bei Erwachsenen. Das liegt daran, dass die Persönlichkeitsstruktur noch in Entwicklung ist und die verschiedenen Identitätszustände oft weniger ausdifferenziert sind. Trotzdem gibt es Zeichen, auf die Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen achten können.

Wichtig vorab: Ein einzelnes Anzeichen bedeutet nicht automatisch DIS. Erst das Zusammenspiel mehrerer Symptome über längere Zeit sollte aufhorchen lassen. Und selbst dann braucht es eine professionelle Diagnostik, keine Ferndiagnose.

Altersgerechte Symptome

Kleinkinder (0 bis 6 Jahre)

In diesem Alter sind die Zeichen am subtilsten, weil kindliche Entwicklung ohnehin von Wechselhaftigkeit geprägt ist. Mögliche Hinweise:

Extreme Verhaltensunterschiede:
Das Kind ist innerhalb kürzester Zeit ein komplett anderer Mensch, ohne erkennbaren äußeren Auslöser. Nicht nur launisch, sondern grundlegend verschieden in Gestik, Sprache, Vorlieben.

Erinnerungslücken:
Das Kind kann sich an Ereignisse vom Vortag nicht erinnern oder bestreitet, Dinge getan zu haben, die andere beobachtet haben.

Regression:
Plötzliche Rückschritte in der Entwicklung – ein Kind, das längst sprechen kann, kommuniziert plötzlich nur noch nonverbal. Oder ein eigentlich ‚trockenes Kind‘ nässt wieder ein, ohne körperliche Ursache.

Körperliche Reaktionen ohne Kontext:
Das Kind zuckt zusammen, obwohl nichts passiert ist, oder zeigt Panik in scheinbar harmlosen Situationen.

Schulkinder (7 bis 12 Jahre)

In diesem Alter werden die Zeichen oft deutlicher, weil das soziale Umfeld größer wird und Widersprüche auffallen.

Gespräche über „die anderen“:
Das Kind spricht davon, dass „die anderen“ etwas entschieden haben, oder bezeichnet sich selbst in der dritten Person.

Drastische Leistungsschwankungen:
In der Schule schwanken Leistungen extrem. Ein Test ist perfekt, der nächste, als hätte das Kind den Stoff nie gehört.

„Trance-Zustände“:
Das Kind wirkt abwesend, reagiert nicht auf Ansprache, kommt nach Minuten „zurück“ und weiß nicht, was passiert ist.

Unterschiedliche Handschriften:
Hausaufgaben oder Tests zeigen verschiedene Schriftbilder, die sich nicht durch Übung oder Konzentration erklären lassen.

Angst vor bestimmten Situationen:
Manchmal zeigt das Kind extreme Ängste vor Dingen, die es sonst problemlos meistert – als wäre „jemand anderes“ gerade präsent, der diese Situation anders bewertet.

Jugendalter (13 bis 18 Jahre)

In der Pubertät wird DIS oft als „typisch jugendlich“ fehlgedeutet. Aber es gibt Unterschiede:

Identitätskrisen mit Tiefgang:
Ja, Jugendliche suchen ihre Identität. Bei DIS geht es aber um grundsätzliche Verwirrung darüber, wer man ist, mit dem Gefühl, mehrere verschiedene Personen zu sein.

Amnesien für wichtige Ereignisse:
Nicht nur „war ich betrunken“, sondern echte Erinnerungslücken für nüchterne Alltagssituationen.

Co-Bewusstsein:
Manche Jugendlichen beginnen zu realisieren, dass sie nicht allein im eigenen Kopf sind, und sprechen von „Stimmen“, „anderen Ich-Zuständen“ oder „inneren Personen“.

Selbstverletzung oder riskantes Verhalten:
Manchmal agieren bestimmte Persönlichkeitsanteile selbstzerstörerisch, während andere verzweifelt versuchen, das zu verhindern.

Beziehungsabbrüche:
Freundschaften zerbrechen, weil das Verhalten so unvorhersehbar schwankt, dass andere sich zurückziehen.

DIS bei Kindern – Was Eltern und Lehrkräfte beobachten können

Die Perspektive von außen ist oft hilfreicher als Selbstberichte, weil Kinder mit DIS ihre innere Realität oft nicht in Worte fassen können.

Inkonsistenzen im Verhalten:
Ein Kind, das gestern noch ängstlich und zurückhaltend war, ist heute selbstbewusst und forsch. Nicht situativ angemessen, sondern wie zwei verschiedene Kinder.

Reaktionen auf Namen:
Manche Kinder reagieren unterschiedlich auf ihren Namen, je nachdem, „wer“ gerade präsent ist. Oder sie korrigieren: „Ich bin heute nicht [Name], ich bin [anderer Name].“

Wissenslücken:
Das Kind kann sich an Gespräche, Vereinbarungen oder Ereignisse nicht erinnern, obwohl es dabei war und aktiv teilgenommen hat.

Körpersprache:
Drastische Veränderungen in Gestik, Mimik, Stimmlage innerhalb kurzer Zeit. Nicht gespielt oder bewusst, sondern als wäre eine andere Person im Körper.

Abgrenzung zu anderen Diagnosen

Hier wird es komplex, weil viele Symptome überlappen. Deshalb ist professionelle Diagnostik so wichtig.

ADHS:
Auch hier gibt es Konzentrationsprobleme und Impulsivität.
Der Unterschied: Bei ADHS ist das Verhalten konsistent chaotisch. Bei DIS wechselt es zwischen verschiedenen stabilen Zuständen.

Autismus-Spektrum:
Manche autistischen Kinder zeigen ebenfalls Rückzug oder besondere Verhaltensweisen. Bei Autismus sind diese aber nicht mit Amnesien oder dramatischen Persönlichkeitswechseln verbunden.

Borderline-Persönlichkeitsstörung:
Erst ab dem späten Jugendalter relevant. Bei Borderline gibt es Instabilität, aber keine klar abgegrenzten Identitätszustände mit eigenen Erinnerungen.

Psychose:
Bei psychotischen Episoden können Kinder verwirrt sein oder „Stimmen hören“. Bei DIS sind die inneren Stimmen aber organisiert, haben eigene Charaktere und sind nicht wahnhaft.

Die Abgrenzung ist nicht immer eindeutig, und manchmal liegen mehrere Diagnosen gleichzeitig vor. Deshalb: Im Zweifel immer professionelle Hilfe suchen.

DIS bei Kindern – Wie reagieren?

Wenn ihr den Verdacht habt, dass ein Kind in eurem Umfeld eine DIS-Struktur entwickelt oder bereits hat, ist euer Verhalten entscheidend. Nicht, weil ihr alles „richtig“ machen müsst, sondern weil eure Reaktion dem Kind entweder Sicherheit geben oder zusätzlichen Schaden anrichten kann.

Do’s: Was hilft wirklich

Validierung statt Verunsicherung

Wenn ein Kind von „den anderen“ spricht oder sagt, es sei heute jemand anderes, ist die schlimmste Reaktion: „Red keinen Unsinn.“ Besser: Nehmt es ernst, ohne Drama. „Okay, heute bist du [Name]. Was brauchst du gerade?“

Das bedeutet nicht, dass ihr die DIS-Struktur „verstärkt“ oder das Kind ermutigt, „verrückt“ zu sein. Es bedeutet, dass ihr dem Kind zeigt: Ich sehe dich, so wie du bist, und ich habe keine Angst vor dir.

Sicherheit an erster Stelle

Kinder mit DIS haben oft eine Geschichte von Unsicherheit. Eure wichtigste Aufgabe: Schafft Verlässlichkeit. Klare Routinen, vorhersehbare Abläufe, ein sicherer Ort ohne Bedrohungen.

Das klingt banal, ist aber existenziell. Ein Kind, das weiß, dass nach der Schule immer dieselbe Person da ist, dass Mahlzeiten regelmäßig stattfinden, dass es einen Rückzugsort hat, kann langsam lernen, dass die Welt nicht nur aus Gefahren besteht.

Professionelle Hilfe ohne Verzögerung

DIS bei Kindern ist nichts, was „von selbst besser wird“. Je früher eine trauma-informierte Therapie beginnt, desto besser die Prognose. Sucht nach Therapeutinnen oder Therapeuten, die Erfahrung mit komplexen Traumata und dissoziativen Strukturen bei Kindern haben.

Wichtig: Nicht alle Kindertherapeut:innen kennen sich mit DIS aus. Fragt konkret nach, ob Erfahrung mit dissoziativen Störungen vorliegt. Und scheut euch nicht, die Fachperson zu wechseln, wenn ihr merkt, dass es nicht passt.

Kommunikation auf Augenhöhe

Sprecht mit dem Kind, nicht über das Kind. Erklärt altersgerecht, was passiert, ohne zu dramatisieren. „Manchmal bist du verschiedene Personen, und das ist okay. Das passiert, wenn der Körper ganz viel Stress hatte. Wir finden zusammen heraus, wie wir dir helfen können.“

Auch wenn verschiedene Persönlichkeiten präsent sind: Behandelt jede respektvoll. Wenn ein jüngerer Anteil spricht, passt eure Sprache an. Wenn ein älterer Anteil präsent ist, sprecht auf dieser Ebene.

Geduld und Langfristigkeit

DIS ist nicht in drei Therapiesitzungen „geheilt“. Es ist ein langer Prozess, in dem das Kind lernen muss, dass Sicherheit existiert, dass Gefühle aushaltbar sind, dass die verschiedenen Innies kooperieren können.

Erwartet keine linearen Fortschritte. Es wird Rückschritte geben, Krisen, Momente, in denen alles aussichtslos wirkt. Das gehört dazu. Bleibt dran, auch wenn es schwer ist.

Sichere Räume schaffen

Don’ts: Das schadet

Dramatisierung vermeiden

Reagiert nicht mit Panik, Schock oder übertriebener Sorge. Kinder spüren sofort, wenn Erwachsene überfordert sind, und fühlen sich dann schuldig oder falsch. Eure Aufgabe: Ruhe ausstrahlen, auch wenn ihr innerlich verunsichert seid.

Keine Bestrafung für dissoziatives Verhalten

Ein Kind mit DIS kann nicht kontrollieren, wann es wechselt. Wenn es sich nicht an Vereinbarungen erinnert oder plötzlich anders reagiert, ist Bestrafung sinnlos und grausam. Stattdessen: Konsequenzen, die Sicherheit vermitteln, nicht Strafe.

Beispiel: Wenn ein Kind im dissoziativen Zustand etwas kaputt macht, ist die Reaktion nicht: „Du bist böse!“ Sondern: „Das war ein schwieriger Moment. Lass uns zusammen aufräumen und überlegen, was dir beim nächsten Mal helfen könnte.“

Nicht ignorieren oder bagatellisieren

„Das wächst sich aus“ oder „Das ist nur eine Phase“ sind gefährliche Sätze. DIS wächst sich nicht aus. Ignoranz führt dazu, dass Kinder keine Hilfe bekommen und jahrzehntelang leiden.

Auch subtile Bagatellisierung schadet: „Stell dich nicht so an“, „Andere haben es auch schwer“, „Sei nicht so kompliziert“. Das Kind lernt: Meine Realität zählt nicht.

Keine erzwungene Integration

Manche Erwachsene denken, das Ziel sei, die verschiedenen Persönlichkeiten „zusammenzuführen“. Das ist nicht immer möglich, nicht immer sinnvoll und definitiv nicht erzwingbar. Das Ziel ist Kooperation, Kommunikation und Lebensqualität, nicht eine erzwungene „Einheitspersönlichkeit“.

DIS bei Kindern – Kommunikationsstrategien für verschiedene Altersgruppen

Kleinkinder (0 bis 6 Jahre)

Kommunikation ist hier oft nonverbal. Achtet auf Körpersprache, bietet sichere körperliche Nähe an (wenn das Kind sie will), nutzt Spieltherapie-Elemente. Sprecht einfach und klar, ohne komplizierte Erklärungen.

„Manchmal bist du [Name], manchmal bist du [anderer Name]. Beide sind wichtig, und beide dürfen hier sein.“

Schulkinder (7 bis 12 Jahre)

In diesem Alter können Kinder oft schon besser über innere Erfahrungen sprechen. Nutzt Metaphern: „Stell dir vor, in deinem Kopf gibt es ein Team, und verschiedene Teammitglieder helfen bei verschiedenen Aufgaben.“

Fragt offen:
„Wer von euch ist gerade da?“
„Was bräuchtet ihr jetzt, damit es euch gut geht?“

Jugendliche (13 bis 18 Jahre)

Hier ist ehrliche, respektvolle Kommunikation gefragt. Jugendliche mit DIS wissen oft bereits, dass etwas „anders“ ist. Gebt ihnen Informationen, ohne zu überfordern. Erklärt, was DIS ist, wie es entsteht, dass es nichts ist, wofür sie sich schämen müssen.

„Dein Gehirn hat eine ziemlich geniale Strategie entwickelt, um mit Dingen umzugehen, die sonst nicht auszuhalten gewesen wären. Jetzt schauen wir, wie wir das System stabilisieren und dir helfen können, besser damit zu leben.“

DIS bei Kindern – Unterstützungsmöglichkeiten

Ein Kind mit DIS braucht mehr als nur Therapie. Es braucht ein ganzes Netzwerk, das versteht, unterstützt und langfristig stabil ist.

Therapeutische Ansätze für Kinder

Traumatherapie

Der Goldstandard ist trauma-fokussierte Therapie, die aber bei Kindern vorsichtig dosiert werden muss. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) kann bei älteren Kindern helfen, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, ist aber bei jüngeren Kindern mit Vorsicht anzuwenden.

Wichtig: Die Therapie muss stabilisierend wirken, bevor Traumabearbeitung stattfindet. Ein Kind, das nicht sicher ist, kann Traumata nicht verarbeiten.

Spieltherapie

Besonders bei jüngeren Kindern ist Spieltherapie oft der effektivste Zugang. Kinder können im Spiel ausdrücken, was sie nicht in Worte fassen können. Eine gute Spieltherapeutin erkennt dissoziative Muster im Spiel und hilft dem Kind, sicherer zu werden.

Körpertherapie

DIS ist nicht nur ein kognitives Phänomen, sondern auch körperlich verankert. Körpertherapeutische Ansätze (z. B. Sensorische Integrationstherapie) können helfen, dass das Kind lernt, seinen Körper wieder als sicher zu erleben.

Systemische Therapie

Wenn die Familie involviert ist (und das sollte sie sein, sofern sie nicht Teil des Problems ist), kann systemische Therapie helfen, Dynamiken zu verstehen und zu verändern.

Rolle der Familie und Schule

Familie

Eltern oder andere primäre Bezugspersonen sind der Anker. Ihre Aufgabe: Konstanz, Sicherheit, bedingungslose Akzeptanz. Das ist enorm belastend, und Eltern brauchen selbst Unterstützung – sei es durch Supervision, Selbsthilfegruppen oder eigene Therapie.

Geschwister nicht vergessen: Sie erleben oft mit, dass ein Kind viel Aufmerksamkeit bekommt, und brauchen ebenfalls Erklärungen und Raum für ihre eigenen Gefühle.

Schule

Lehrkräfte können viel bewirken, wenn sie informiert sind. Ein Kind mit DIS braucht manchmal Rückzugsmöglichkeiten, Verständnis für Leistungsschwankungen, Flexibilität bei Bewertungen.

Schulpsychologischer Dienst oder Inklusionsbeauftragte können einbezogen werden, um einen Nachteilsausgleich zu organisieren. Nicht als „Bevorzugung“, sondern als Ausgleich für eine Situation, die das Kind nicht verschuldet hat.

Langfristige Begleitung

DIS ist keine „Phase“, die nach einem Jahr Therapie vorbei ist. Es ist ein lebenslanger Begleiter, der mit Unterstützung managebar wird. Langfristige Begleitung bedeutet: regelmäßige therapeutische Kontakte über Jahre, stabile Bezugspersonen, ein Umfeld, das Verständnis zeigt.

Das klingt überwältigend. Ist es auch. Aber: Es ist machbar. Und jedes Jahr, jede stabile Beziehung, jede gute Therapiesitzung verbessert die Prognose enorm.

Persönlicher Einblick

Wenn wir auf unsere eigene Kindheit zurückblicken, sehen wir ein Mosaik aus verwirrenden Momenten, die damals niemand einordnen konnte. Wir erinnern uns an Situationen, in denen wir plötzlich nicht mehr wussten, wer wir waren. An Tage, an die wir keine Erinnerung haben. An das Gefühl, dass „die anderen“ manchmal lauter waren als wir selbst.

Was uns gefehlt hat? Jemand, der gesehen hat, was wirklich los war. Nicht jemand, der uns pathologisiert oder bemitleidet hätte, sondern jemand, der gesagt hätte: „Du bist nicht verrückt. Dein System macht das Beste aus einer schwierigen Situation.“

Wir hätten gebraucht, dass jemand unsere Dissoziation ernst nimmt, statt sie als „lebhafte Fantasie“ abzutun. Wir hätten gebraucht, dass jemand fragt: „Wer von euch ist gerade da?“ und uns damit zeigt, dass es okay ist, viele zu sein.

Heute wissen wir: Frühe Intervention hätte uns Jahre des Leidens erspart. Nicht, weil DIS „heilbar“ ist, sondern weil wir früher gelernt hätten, damit zu leben. Weil wir uns nicht jahrzehntelang für „falsch“ und „verrückt“ gehalten hätten.

Fazit und Ressourcen

DIS bei Kindern zu erkennen, ist keine einfache Aufgabe. Es erfordert Wachsamkeit, Sensibilität und die Bereitschaft, hinzuschauen, auch wenn es unbequem ist. Aber genau diese Bereitschaft kann für betroffene Kinder den Unterschied zwischen einem Leben in Verwirrung und einem Leben mit Unterstützung machen.

Wichtig zu verstehen: DIS ist kein Weltuntergang. Es ist eine Überlebensstrategie, die funktioniert hat und weiter funktionieren kann, wenn das Umfeld stimmt. Kinder mit DIS sind nicht „kaputt“ oder „hoffnungslos“ – sie sind überlebenskreativ.

Was sie brauchen, ist ein Umfeld, das versteht, akzeptiert und unterstützt. Keine Wunder, keine Heilsversprechen, sondern konstante, verlässliche Präsenz von Menschen, die nicht aufgeben.

Hilfreiche Anlaufstellen:

  • Fachkliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Trauma-Schwerpunkt
  • Trauma-Ambulanzen
  • Kinderschutzzentren
  • Spezialisierte Psychotherapeutinnen und -therapeuten (über regionale Traumanetzwerke zu finden)
  • Selbsthilfegruppen für Eltern von Kindern mit komplexen Traumata

Wenn ihr ein Kind kennt, bei dem ihr den Verdacht habt, zögert nicht, professionelle Hilfe zu suchen. Frühe Intervention rettet Leben, auch wenn es sich in dem Moment vielleicht nicht so anfühlt.

Und wenn ihr selbst betroffen seid: Es gibt Menschen, die verstehen. Es gibt Hilfe. Und es ist okay, genau so zu sein, wie du bist.

Habt ihr Fragen zu DIS im Kindesalter?
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Wir sind für euch da.

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