DIS Fachkräfte in der Praxis: Was Betroffene wünschen, dass Fachkräfte es wissen
DIS Fachkräfte und der Dschungel des Suchens. Es gibt Sätze, die DIS-Menschen in therapeutischen oder medizinischen Kontexten gehört haben, die sie nicht vergessen. „Ich glaube nicht, dass DIS wirklich existiert.“ „Wir müssen diese Anteile loswerden.“ „Du solltest nicht so viel über deine Innies reden, das verstärkt das nur.“ Diese Sätze kommen nicht von böswilligen Menschen, sondern von unzureichend informierten Menschen. Und sie richten trotzdem Schaden an.
Wir sind Nika Vida – Die Nikas, ein DIS-System, das aus eigener Erfahrung spricht. Dieser Artikel ist kein Angriff auf Fachkräfte. Er ist eine Einladung. Eine Einladung, zuzuhören, denn wir sprechen aus einer Perspektive, die kein Lehrbuch vollständig abbilden kann: von innen und aus dem Leben mit DIS.
Wir schreiben diesen Artikel für Therapeut:innen, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen, Psychiater:innen und alle anderen Fachkräfte, die mit DIS-Menschen arbeiten oder arbeiten möchten. Und wir schreiben ihn für DIS-Menschen, die diesen Artikel vielleicht ausdrucken und ihrer nächsten Fachkraft mitbringen wollen.
Was Fachkräfte über DIS wissen sollten, aber oft nicht wissen
Die Forschungslage zu DIS ist eindeutiger als ihr Ruf. Dissoziative Identitätsstruktur ist eine valide, kulturübergreifend nachgewiesene Diagnose, die in DSM-5 und ICD-11 anerkannt ist. Sie ist keine Erfindung, keine Simulation, keine soziale Ansteckung oder Trend. Und sie ist, wie wir in unserer Übersicht zur dissoziativen Identitätsstruktur nachzulesen, weit verbreiteter als viele denken.
Was die klinische Praxis trotzdem zeigt:
Viele Fachkräfte begegnen DIS-Menschen mit Skepsis, Unsicherheit oder veraltetem Wissen. Das liegt nicht nur an mangelndem Engagement, sondern an einer Ausbildungsrealität, in der dissoziative Strukturen nach wie vor zu wenig Raum einnehmen. DIS wird in vielen klinischen Ausbildungen kaum oder gar nicht behandelt. Was dabei herauskommt sind Fachkräfte, die mit dem Thema in der Praxis konfrontiert werden, ohne vorbereitet zu sein.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beschreibung einer Situation, die sich ändern muss und die sich nur ändert, wenn DIS-Menschen selbst Teil dieser Veränderung werden.
Die Realität der Fehldiagnosen
Was Fachkräfte wissen sollten:
Die meisten DIS-Menschen, die in ihre Praxis kommen, kommen nicht mit der Diagnose DIS. Sie kommen mit Depressionen, Borderline, ADHS, bipolarer Störung oder Schizophrenie-Verdacht. Im Durchschnitt dauert es sieben Jahre, bis eine DIS-Diagnose gestellt wird. Sieben Jahre, in denen falsch behandelt wird, in denen DIS-Menschen Medikamente bekommen, die ihre eigentliche Struktur nicht adressieren, und in denen das Vertrauen in das Versorgungssystem Schaden nimmt.
Was dabei hilft, ist keine aufwendige neue Diagnostik,
sondern das Stellen der richtigen Fragen.
Gibt es Zeitlücken?
Berichte über innere Stimmen, die sich von der eigenen Stimme unterscheiden? Das Gefühl, manchmal nicht ganz bei sich zu sein?
Diese Fragen werden in Standardinterviews selten gestellt, dabei könnten sie jahrelanges Umherirren verhindern.
Was DIS-Menschen in der Therapie wirklich brauchen
Jetzt zum Kern. Was brauchen DIS-Menschen konkret von Fachkräften?
Wir sprechen aus eigener Erfahrung und aus dem, was uns die Community immer wieder rückmeldet.
Glaubt uns liebe DIS Fachkräfte
Das klingt so selbstverständlich, dass es fast beschämend ist, es schreiben zu müssen, aber es ist das Erste und Wichtigste. DIS-Menschen haben oft jahrelange Erfahrungen mit Zweifel und Unglaube hinter sich, aus dem sozialen Umfeld, aus dem Versorgungssystem, manchmal auch von sich selbst. Eine Fachkraft, die wirklich glaubt, was das System berichtet, ohne sofort zu hinterfragen, ob das nicht doch Simulation oder Übertreibung ist, ist eine Fachkraft, die helfen kann. Eine, die zweifelt, richtet Schaden an.
Arbeitet mit dem System, nicht gegen es liebe DIS Fachkräfte
Das klingt ebenfalls selbstverständlich und ist es in der Praxis leider oft nicht. Therapieansätze, die darauf abzielen, Innies zu eliminieren, zu unterdrücken oder so schnell wie möglich zu integrieren, ohne das System selbst zu fragen, ob das das Ziel ist, sind schädlich. Die Innies sind keine Symptome. Sie sind Persönlichkeiten und jede von ihnen hat einen Grund zu existieren.
Fragt, statt anzunehmen liebe DIS Fachkräfte
Was ist das Ziel dieses Systems?
Was braucht welcher Innie?
Welche Innies sind überhaupt bereit, in der Therapie präsent zu sein?
Diese Fragen zu stellen, anstatt einen vordefinierten Therapieplan abzuarbeiten, macht den Unterschied zwischen einer Therapie, die das System respektiert, und einer, die es überrollt.
Tempoanpassung liebe DIS Fachkräfte
Traumaverarbeitung bei DIS braucht Zeit. Mehr Zeit als viele Therapieformen vorsehen, denn das Nervensystem von DIS-Menschen hat gelernt, Lasten aufzuteilen, um nicht überwältigt zu werden. Wenn Therapie zu schnell zu viel aufdeckt, kann das das System destabilisieren. Stabilisierung vor Traumaarbeit ist kein Rückschritt, sondern es ist Voraussetzung und Grundlage.
Kennt eure eigenen Grenzen liebe DIS Fachkräfte
Nicht jede Fachkraft ist für die Arbeit mit DIS ausgebildet. Das ist keine Schande, sondern eine Tatsache. Was DIS-Menschen brauchen ist nicht, dass jede Fachkraft DIS-Spezialist:in wird, sondern dass Fachkräfte ehrlich sind, wenn sie an ihre Grenzen stoßen. Und dann ggf. weiterverweisen, anstatt weiterzumachen, wie bisher.

Die häufigsten Fehler in der Arbeit mit DIS-Systemen
Wir nennen diese Punkte nicht, um zu beschämen, sondern um konkret zu benennen, was DIS-Menschen immer wieder berichten, damit es sich ändern kann.
Skepsis gegenüber der Diagnose
Es gibt nach wie vor Fachkräfte, die DIS grundsätzlich anzweifeln, die das soziokognitive Modell vertreten und davon ausgehen, dass DIS durch Suggestion oder soziale Ansteckung entsteht.
Was diese Haltung in der Praxis bedeutet:
DIS-Menschen, die endlich Worte für ihre Erfahrungen gefunden haben, stoßen auf eine Fachkraft, die ihnen sagt, dass diese Erfahrungen nicht real sind. Das ist nicht nur therapeutisch nutzlos, sondern es ist (re)traumatisierend.
Die Forschungslage ist eindeutig: DIS ist real, kulturübergreifend nachgewiesen und neurobiologisch messbar. Fachkräfte, die sich auf dem aktuellen Forschungsstand befinden, zweifeln nicht an der Existenz von DIS.
Der fusionsorientierte Ansatz ohne Rücksprache
Viele ältere Therapiemanuale setzen Fusion, also das Zusammenführen aller Innies zu einer Persönlichkeit, als primäres Ziel.
Was dabei übersehen wird:
Nicht alle DIS-Systeme wollen Fusion. Manche wollen Co-Existenz, manche wollen Kooperation und manche haben erst einmal gar kein klar definiertes Ziel, weil sie noch dabei sind, ihr System überhaupt kennenzulernen.
Fusion als einziges Ziel vorzugeben, ohne das System selbst zu fragen, ist nicht respektvoller als einem Menschen zu sagen, welches Leben er zu führen hat.
Das Ziel einer Therapie bei DIS wird gemeinsam mit dem System definiert. Immer.
Zu schnell, zu viel
Traumaarbeit bei DIS braucht Stabilisierung als Grundlage. Wenn Fachkräfte zu schnell in traumatisches Material gehen, ohne das System zuvor ausreichend zu stabilisieren, kann das zu Dekompensation führen, somit zu mehr Dissoziation, mehr Krisen, mehr Destabilisierung. Das Gegenteil von dem, was Therapie leisten soll.
Der phasenorientierte Ansatz, also Stabilisierung zuerst, dann behutsame Traumaarbeit, dann Integration oder Kooperation, ist der in der Fachliteratur am breitesten empfohlene Weg. Und er braucht Zeit.
Was gute Therapie bei DIS auszeichnet
Jetzt das Gegenteil: Was macht eine Therapie, die wirklich hilft?
- Gute DIS-Therapie beginnt damit, das System als Ganzes wahrzunehmen. Nicht nur die Innies, die meistens vorne sind, nicht nur die, die am meisten leiden, sondern alle. Das bedeutet, offen zu sein für Innies, die sich zeigen, auch wenn sie sich überraschend, schwierig oder unpassend anfühlen. Jeder Innie, der auftaucht, tut das aus einem Grund und dieser Grund ist wichtiger als der Moment.
- Gute DIS-Therapie schafft Sicherheit. Nicht nur im Raum, also durch Verlässlichkeit, klare Strukturen und vorhersehbare Abläufe, sondern auch im Beziehungsangebot. DIS-Menschen haben oft tiefe Erfahrungen mit Unsicherheit und Unberechenbarkeit in Beziehungen. Therapeut:innen, die beständig, ehrlich und klar sind, sind bereits heilsam, bevor das erste Traumathema angesprochen wird.
- Gute DIS-Therapie fragt regelmäßig nach.
Wie geht es dem System nach einer Sitzung? Was hat welchem Innie gutgetan, was nicht? War das Tempo richtig? Diese Fragen zeigen, dass das System nicht nur Objekt der Therapie ist, sondern aktiver Teil davon. - Und gute DIS-Therapie kennt ihre Grenzen, zieht sie klar und verweist weiter, wenn das nötig ist. Das ist keine Schwäche, sondern Professionalität.
Was DIS-Menschen aus dem Versorgungssystem brauchen
Über die individuelle Therapiesitzung hinaus brauchen DIS-Menschen ein Versorgungssystem, das sie nicht zermürbt, bevor die eigentliche Arbeit beginnt.
Das bedeutet konkret:
Kürzere Wartezeiten auf spezialisierte Plätze. Mehr Ausbildungsinhalte zu dissoziativen Strukturen in der klinischen Grundausbildung. Supervisionsangebote für Fachkräfte, die mit DIS-Systemen arbeiten. Und eine grundsätzliche Haltungsveränderung, nämlich weg von der Skepsis, hin zur Neugier.
Das ist kein kleines Programm. Es ist eine systemische Veränderung, die Zeit braucht, aber sie beginnt mit einzelnen Fachkräften, die sich informieren, die richtigen Fragen stellen und den DIS-Menschen glauben. Diese Fachkräfte gibt es, denn wir haben das Glück gehabt, einigen zu begegnen. Und wir wissen, was der Unterschied ist.
Werkzeuge wie unser DISafety Kit oder das Inside Out Journal können in der Arbeit mit DIS-Systemen auch Fachkräften helfen, einen gemeinsamen Plan zu entwickeln, der über die Therapiestunde hinausgeht. Weil das DIS-Leben nicht in 50-Minuten-Einheiten stattfindet.

Was wir uns wünschen: Ein Brief an DIS Fachkräfte
Wir erlauben uns hier einmal, direkt zu sein. Nicht als Vorwurf, sondern als ehrliche Bitte.
Wir wünschen uns Fachkräfte, die neugierig auf uns sind, nicht auf unsere Diagnose. Die nicht bei dem Wort „Innies“ innerlich die Augen verdrehen, sondern fragen: „Wer ist das? Was braucht dieser Innie?“ Die verstehen, dass ein DIS-System nicht repariert werden muss, sondern begleitet werden darf.
Wir wünschen uns Fachkräfte, die zugeben, wenn sie etwas nicht wissen.
Die sagen: „Ich habe wenig Erfahrung mit DIS, aber ich möchte lernen und bin bereit, mich weiterzubilden.“ Das ist ehrlicher und hilfreicher als so zu tun, als wäre alles bekannt.
Wir wünschen uns Fachkräfte, die uns als Expert:innen unseres eigenen Systems behandeln. Nicht als Fälle, nicht als Symptome, nicht als Herausforderungen, sondern als Menschen, die mehr über sich wissen als jedes Lehrbuch. Und die trotzdem Unterstützung brauchen, genau wie alle anderen auch.
Und wir wünschen uns Fachkräfte, die bleiben. Die nicht aufgeben, wenn es schwieriger wird, die verstehen, dass Vertrauen bei DIS-Menschen Zeit braucht. Oft viel Zeit, aber dass diese Zeit sich lohnt.

Häufige Fragen von Fachkräften zu DIS
Wie erkenne ich DIS in der Praxis?
Achtet auf Hinweise wie berichtete Zeitlücken, innere Stimmen, die sich von der eigenen unterscheiden, deutliche Verhaltens- oder Stimmungsänderungen ohne äußeren Anlass und widersprüchliche Erinnerungen an dasselbe Ereignis. Standardisierte Instrumente wie das MID (Multidimensional Inventory of Dissociation) können bei der Diagnostik helfen.
Wie gehe ich mit einem Switching in der Sitzung um?
Ruhig bleiben. Nicht versuchen, das Switching zu unterbrechen oder rückgängig zu machen. Der Innie, der gerade vorne ist, mit Respekt begegnen, auch wenn ihr diesen noch nicht kennt. Kurz orientieren: „Wir sind gerade in einer Therapiesitzung. Du bist sicher. Ich bin [Name].“ Einfache, klare Sätze helfen mehr als lange Erklärungen.
Soll ich alle Innies in die Therapie einbeziehen?
Das hängt vom System und vom Therapieziel ab. Ein guter Einstieg ist, das System selbst zu fragen: Welche Innies sind bereit, in der Therapie präsent zu sein? Welche brauchen vielleicht zunächst Abstand? Zwang hat in der DIS-Therapie keinen Platz.
Wie gehe ich mit Therapiezielen um, wenn verschiedene Innies unterschiedliche Ziele haben?
Genau diese Spannung ist oft das Herzstück der Therapiearbeit. Nicht auflösen, sondern begleiten. Welcher Innie hat welches Ziel, und warum? Was steckt hinter dem Konflikt? Diese Fragen gemeinsam mit dem System zu erkunden ist produktiver, als ein Ziel von außen vorzugeben.
Was sind gute Fortbildungen zu DIS?
Die International Society for the Study of Trauma and Dissociation (ISSTD) bietet Fortbildungen und Ressourcen an. In Deutschland ist die Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation (DGTD) eine gute Anlaufstelle. Empfohlen werden auch häufig die Akademie von Michaela Huber.
Und: Zuhören, wenn DIS-Menschen sprechen, ist auch eine
Form der Fortbildung.
Fazit: Die Begegnung, die alles verändert
Es gibt Fachkräfte, die das Leben von DIS-Menschen fundamental verändern. Nicht weil sie alles richtig machen oder weil sie DIS-Spezialist:innen sind, sondern weil sie da sind, glauben, zuhören und das System als das behandeln, was es ist: Menschen, die Unterstützung verdienen.
Diese Begegnung ist möglich. Wir wissen das, weil wir sie erlebt haben. Und wir wissen, wie selten sie ist, weil wir auch das erlebt haben.
Wenn ihr als Fachkraft bis hierher gelesen habt: Danke. Wirklich.
Danke, dass ihr euch informiert, dass ihr zuhört, dass ihr bereit seid, eure Praxis zu hinterfragen, denn das ist nicht selbstverständlich. Und es macht einen Unterschied, auch wenn ihr ihn vielleicht nicht immer seht.
Und für alle DIS-Menschen, die diesen Artikel lesen, vielleicht um ihn auszudrucken und mitzunehmen: Ihr habt das Recht auf Fachkräfte, die euch glauben. Auf Begleitung, die euer System respektiert, auf Therapie, die mit euch arbeitet, nicht gegen euch. Das ist kein Wunschdenken, sondern das ist das Minimum und ihr verdient es.

