DIS und strukturelle Delegitimierung – Das strukturelle Problem

DIS und strukturelle Delegitimierung, warum dieser Artikel?
Wir schreiben diesen Artikel, weil wir Anfang März 2026 eine Ankündigung gelesen haben, die uns sofort alle Alarmglocken klingeln ließ.
Nicht eine, nicht zwei. Alle.

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, kurz KFN, versteht sich als unabhängige, interdisziplinäre und praxisnahe Forschungseinrichtung. Ihr Anspruch, laut eigenem Slogan: Forschung für eine resiliente Gesellschaft.
Das Kriminologische Kolloquium des KFN ist in mehreren Bundesländern als anerkannte Fortbildungsveranstaltung geführt, darunter für Richter:innen, Staatsanwält:innen und akkreditierte Fachpsycholog:innen. Es ist also kein obskures Nischenangebot. Es ist Fortbildung für Menschen, die täglich über andere Menschen urteilen.

Am 3. März 2026 hieß das Thema dieses Kolloquiums:
Mechanismen eines Mythos: Rituelle Gewalt, Persönlichkeitsspaltung und psychische Kontrolle

Persönlichkeitsspaltung. Als Mechanismus eines Mythos. Vor genau dem Fachpublikum, das danach Gutachten schreibt, Gerichtsurteile spricht und Sorgerechtsverfahren entscheidet.

Wir kennen das Gefühl, das viele von euch jetzt gerade haben. Dieses vertraute Erschöpft-sein, das sich anfühlt wie: Schon wieder. Noch immer. Immer noch.
Und gleichzeitig: Das können wir nicht einfach stehen lassen. DIS und strukturelle Delegitimierung ist kein abstraktes Thema. Es ist unser Alltag. Und dieser Kolloquiumstitel ist ein Lehrstück dafür, wie dieses Problem entsteht, warum es sich hält und was es anrichtet.

Darum geht es heute. Nicht als Anklageschrift, sondern als Aufklärung, weil sie scheinbar immer noch notwendig ist.

Was das KFN-Kolloquium behauptet und was daran problematisch ist

Der wissenschaftliche Hintergrund hinter dem Kolloquium ist keine neue Erfindung. Es gibt eine Strömung innerhalb der Gedächtnispsychologie, die seit Jahren argumentiert: Berichte über rituellen Missbrauch seien durch suggestive Prozesse in der Therapie erklärbar. Amnesien für langanhaltende, chronische Traumatisierungen seien gedächtnispsychologisch unplausibel. Und es lägen keine belastbaren Belege für eine sogenannte intentionale Persönlichkeitsspaltung vor.

Das klingt nach Wissenschaft. Es klingt nach Empirie, nach Vorsicht, nach kritischer Prüfung. Und genau das macht es so gefährlich.

Denn das Problem liegt nicht im einzelnen Satz. Das Problem liegt darin, was diese Argumentation auslässt, was sie vermischt und was sie vor diesem spezifischen Fachpublikum bewirkt.

Die Probleme der Argumentation

Erstens wird hier eine Frage, die tatsächlich kontrovers diskutiert wird, nämlich ob es organisierte, rituelle Täter:innennetzwerke in dem beschriebenen Ausmaß gibt, direkt mit einer Frage verbunden, die es nicht ist: ob DIS als Struktur real ist. Beides wird in einen Topf geworfen. Dabei sind das zwei grundlegend verschiedene Fragen. DIS ist nicht durch rituelle Gewalt definiert, sondern DIS entsteht durch frühkindliche, chronische Traumatisierung in einem Entwicklungsfenster, in dem das Gehirn noch keine integrierte Identität ausgebildet hat. Wer beide Fragen als eine behandelt, produziert keine Wissenschaft. Wer das vor Fachpublikum tut, produziert Schaden.

Zweitens ist die Forschungslage zu DIS eindeutig. Die dissoziative Identitätsstruktur ist im DSM-5 und in der ICD-11 anerkannt. Sie ist durch umfangreiche neurobiologische Forschung unterfüttert. Neuroimaging-Studien zeigen messbare, physiologische Unterschiede zwischen verschiedenen Persönlichkeiten in DIS-Systemen. Das ist keine Meinung, sondern das sind Fakten und Daten. Und diese Daten werden in einem Vortrag, der DIS unter „Mechanismen eines Mythos“ verhandelt, entweder ignoriert oder so eingeordnet, dass der Gesamteindruck ein anderer ist.

Drittens (und das ist der entscheidende Punkt): Wer in einer anerkannten Fachfortbildung für Richter:innen und Staatsanwält:innen DIS in unmittelbarer Nähe des Begriffs „Mythos“ präsentiert, setzt eine Weiche. Keine neutrale Information, sondern eine Weiche. Eine Weiche, an der DIS-Menschen in Begutachtungen, in Gerichtssälen, in Sorgerechtsverfahren, in strafrechtlichen Verfahren scheitern werden. Nicht weil sie lügen, sondern weil das Bild, das die Fachkraft von DIS hat, bereits verzerrt ist, bevor sie auch nur einen Satz gesagt haben.

DIS und strukturelle Delegitimierung

DIS und strukturelle Delegitimierung: Was das im echten Leben bedeutet

Wir reden hier nicht über eine akademische Debatte, die irgendwo in einem Fachjournal geführt wird, ohne dass es jemanden direkt betrifft. Wir reden über das, was passiert, wenn Fachkräfte mit einem falschen Bild von DIS und ritueller/organisierter Gewalt in die Welt entlassen werden.

Viele von euch kennen das aus dem eigenen Erleben. Ihr sitzt in einer Begutachtung und merkt binnen der ersten fünf Minuten, dass die Person euch gegenüber DIS hauptsächlich als „Kontroverse“ kennt. Oder ihr seid in einem Sorgerechtsverfahren und die Richterin hat von DIS gehört, aber vor allem in dem Kontext, in dem es um Falscherinnerungen und suggestive Therapien ging. Ihr versucht, eure Erlebnisse zu schildern, und das System hat bereits eine Schublade für euch: unglaubwürdig, beeinflusst, instabil.

Das ist kein Einzelfall. Das ist ein Muster. Und auch wir haben die Erfahrung in einem Gutachtungstermin gemacht, das könnt ihr hier auf Instagram gerne nachlesen.

Wie entsteht das Muster?

Und dieses Muster entsteht nicht im Vakuum, sondern es entsteht, weil Fehlinformationen über DIS aktiv verbreitet werden. In angesehenen Räumen. Mit wissenschaftlichem Label. Vor genau den Menschen, die danach Entscheidungen über DIS-Menschen treffen. Das KFN-Kolloquium vom 3. März 2026 ist dafür ein konkretes und dokumentiertes Beispiel. Es ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht das einzige.

Das ist der Kern der strukturellen Delegitimierung: Nicht nur, dass einzelne Fachkräfte schlecht informiert sind. Sondern dass die Strukturen, die eigentlich für Qualität sorgen sollen, für Fortbildung, für wissenschaftliche Redlichkeit, für Praxistauglichkeit, aktiv zur Fehlinformation beitragen. Und dass niemand dafür Verantwortung übernimmt, wenn z.B. DIS-Menschen an diesen Weichen scheitern. Wer dafür geradestehen muss, sind immer wieder die DIS-Menschen selbst. Mit ihrer Glaubwürdigkeit, ihren Verfahren und ihrem Leben.

Unser DISafety Kit ist u.a. genau deshalb entstanden. Weil wir wissen, wie wichtig es ist, in Begegnungen mit Behörden, Gutachter:innen und Institutionen so vorbereitet wie möglich zu sein. Nicht weil die Verantwortung bei euch liegt, denn das liegt sie eigentlich nicht. Sondern weil das System euch zwingt, euch zu schützen, und weil Vorbereitung dabei ein echter Unterschied machen kann.

Emotionen

Was Fachkräfte jetzt tun können: Verantwortung statt Gleichgültigkeit

An die Fachkräfte unter euch, die diesen Artikel lesen: Wir wissen, dass die meisten von euch es gut meinen und dass der Großteil der Menschen, die Gutachten schreiben und Verfahren führen, nicht mit böser Absicht handelt. Und genau deshalb ist es so wichtig, jetzt weiterzulesen.

Denn gut meinen schützt nicht vor Fehlinformation. Es schützt nur dann, wenn man bereit ist, auch die eigene Fortbildung kritisch zu prüfen.

Stellt euch bei jeder Fortbildung zu DIS, zu Trauma, zu Gedächtnispsychologie ein paar Fragen.

  • Aus welchem Fachfeld kommt die Referent:in?
  • Welche Forschungsströmung wird hier vertreten?
  • Welche Studien werden zitiert und welche werden nicht erwähnt?
  • Und: Welche Stimmen fehlen?

In den seltensten Fällen sind bei DIS-Fortbildungen die DIS-Menschen selbst vertreten. Traumainformierte Therapeut:innen, die täglich mit DIS-Systemen arbeiten, kommen selten zu Wort. Neuropsycholog:innen, die mit Bildgebungsverfahren zu DIS forschen, werden oft nicht eingeladen.

Das ist kein Zufall, sondern das ist selbst Teil des strukturellen Problems.

Wissenschaftliche Redlichkeit bedeutet nicht, jede Kontroverse als gleichwertig zu behandeln. Sie bedeutet, die Forschungslage vollständig zu erfassen und dabei ehrlich zu sein über das, was gesichert ist, und das, was noch diskutiert wird.
Die DIS als Struktur ist gesichert, die neurobiologischen Grundlagen sind gesichert. Spezifische Fragen zur Entstehungsgeschichte einzelner Systeme sind komplex und individuell. Wer beides gleichsetzt, macht einen Fehler, der Menschen schadet.

DIS und strukturelle Delegitimierung - Hört zu

Warum Schweigen keine Option ist: DIS und strukturelle Delegitimierung benennen

Es gibt Menschen, die uns sagen würden, wir sollten vorsichtig sein. Dass wir das KFN nicht namentlich nennen sollen, weil wir nicht wissen, was im Vortrag wirklich gesagt wurde. Und dass wir sachlich bleiben sollen.

Wir bleiben sachlich, denn wir zitieren die öffentlich zugängliche Ankündigung des KFN, wir beziehen uns auf den wissenschaftlichen Kontext, der hinter dieser Debatte steht, und wir benennen die Wirkung, die diese Art von Fortbildungsthemen auf Fachpublikum hat. Das ist sauber gearbeitet.

Und gleichzeitig: Sachlichkeit heißt nicht Schweigen. DIS und strukturelle Delegitimierung ist ein Muster, das Konsequenzen hat. Echte, konkrete, lebensverändernde Konsequenzen für echte Menschen. Wenn wir dieses Muster nicht benennen, weil es möglicherweise unbequem ist, dann sind wir Teil des Problems.

Sichtbarkeit ist keine Aggression, denn sie ist das Gegenteil von Komplizenschaft.

Wir haben als DIS-System das Glück, eine Plattform zu haben. Einen Blog, eine Community, eine Reichweite. Andere DIS-Menschen, die in Begutachtungen sitzen, in Sorgerechtsverfahren kämpfen, in psychiatrischen Unterbringungen über sich selbst aufklären müssen, haben das nicht. Sie können sich evtl. nicht an eine Öffentlichkeit wenden. Sie sind auf Fachkräfte angewiesen, die korrekt informiert sind.

Wer die Möglichkeit hat zu sprechen und es nicht tut, überlässt diesen Menschen das Feld allein. Darum sprechen wir und darum benennen wir. Deswegen ist dieser Artikel nicht optional, auch wenn er unbequem ist.

Und für alle, die gerade merken, wie viel das Thema aufwühlt: Das Inside Out Journal kann dabei helfen, das eigene System und die eigenen Erlebnisse in Worte zu fassen. Nicht für Gutachter:innen, sondern zuerst für euch selbst. Für Klarheit, Orientierung und für das Gefühl, das eigene Leben nicht dem Bild zu überlassen, das andere von euch haben.

Sachlichkeit heißt nicht Schweigen

Abschluss: Authentisch plural, kompromisslos laut

DIS und strukturelle Delegitimierung endet nicht mit einem Kolloquium. Sie ist ein Muster, das sich durch Fortbildungssäle, Gutachterbüros, Gerichtssäle und Psychiatrien zieht. Es ist ein Muster, das DIS-Menschen systematisch kleiner macht, unglaubwürdiger und schwieriger, als sie sind. Nicht weil die Menschen, die diese Entscheidungen treffen, das so wollen, sondern weil das Fundament, auf dem sie urteilen, bereits verzerrt ist.

Das zu benennen ist keine Kleinigkeit. Es kostet etwas, nämlich Energie, Sichtbarkeit, und manchmal auch Gegenwind. Und trotzdem ist es das Einzige, was langfristig etwas verändert: dass DIS-Menschen nicht mehr nur das Thema sind, über das gesprochen wird, sondern die Stimmen, die im Raum sind.

Wir sind diese Stimmen. Ihr seid diese Stimmen. Und wir gehen nirgendwo hin.

Authentisch plural, kompromisslos laut. Das ist kein Slogan, sondern eine Haltung, UNSERE Haltung.

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