Therapie mit DIS – Was wirklich passiert, wenn ein plurales System Hilfe sucht

Habt ihr euch schon mal gefragt, ob ihr zu komplex seid für das, was da draußen an Hilfe existiert, wenn es um das Thema DIS und Therapie geht?

Wir schon und das mehr als einmal. Beim etlichsten Anruf bei einer Therapeutin, im Erstgespräch, in dem wir erklären mussten, was DIS eigentlich ist (dem Menschen, der uns behandeln sollte) und auf der Warteliste, die nicht Wochen, sondern Jahre bedeutete.

Die kurze Antwort auf die Frage oben: Nein, ihr seid nicht zu komplex, sondern
das System ist zu klein.

Dieser Artikel ist kein Ratgeber. Kein „5 Tipps für die Therapiesuche mit DIS“, sondern er ist ein ehrlicher Blick darauf, was DIS-Menschen auf dem Weg zu guter therapeutischer Unterstützung begegnet. Was schiefläuft, was fehlt und was es braucht, damit Therapie für plurale Systeme wirklich funktionieren kann.

Therapie mit DIS – Die Suche ist anders

Für viele Menschen ist die Entscheidung, sich therapeutische Hilfe zu suchen, schon schwer genug. Der Mut, zuzugeben, dass es so nicht weitergeht, die Überwindung, anzurufen, aber für DIS-Menschen fängt danach die eigentliche Arbeit erst an.

Wir haben damals nicht gewusst, wonach wir suchen sollen. „Traumatherapeut“ war der erste Begriff, den wir gegoogelt haben. Was wir gebraucht hätten: jemanden, der DIS nicht nur aus dem Lehrbuch kennt, ,der nicht überfordert abbricht, wenn das System größer ist als erwartet und der weiß, dass ein Erstgespräch für uns kein Einzeltermin ist, weil nicht alle Innies dabei sind. Nicht alle wissen, dass gerade eine Therapie gesucht wird und nicht alle wollen das.

Spezialisierte Therapieplätze für DIS gibt es. Aber ihre Zahl reicht bei weitem nicht aus. Wer einen findet, wartet oft Jahre und in dieser Zeit lebt man weiter mit dem, was man hat.

Das Wartezimmer-Problem – Fehldiagnosen, Wartelisten, fehlendes Wissen

Bevor wir die Diagnose DIS hatten, hatten wir andere. Borderline, Depression, irgendwas mit Psychose. Alles davon hatte ein Körnchen Wahrheit, aber keines davon war das ganze Bild.

Das ist kein Einzelfall. DIS-Menschen warten im Schnitt zwischen 7 und 12 Jahre auf eine korrekte Diagnose. In dieser Zeit werden sie behandelt, nur eben für etwas anderes. Manchmal helfen diese Behandlungen trotzdem ein Stück, manchmal richten sie Schaden an, weil der falsche Rahmen falsche Schlüsse zieht.

Diagnose DIS – Warum dauert es überhaupt so lang?

Ein wesentlicher Grund: DIS sieht nach außen oft unauffällig aus. Plurale Systeme sind gut im Anpassen, was jahrelang das (Über)Leben gesichert hat und das macht die Diagnose schwerer. Die Symptome werden einzeln behandelt, nie im Zusammenhang gesehen.

Hinzu kommt das Ausbildungsproblem. Die meisten Therapeutinnen und Therapeuten haben in ihrer Ausbildung eine halbe Vorlesungsstunde über DIS gehört, wenn überhaupt. Was in dieser halben Stunde vermittelt wurde, war selten das, was in der Praxis hilft.

Fehldiagnosen bei DIS

DIS und Therapie – Wer geht eigentlich hin?

Eine Frage, die wir in einem Erstgespräch gestellt bekommen haben:
„Welche Persönlichkeit kommt denn zu mir in die Sitzung?“
Wäre schön, wenn wir selber das vorher wüssten, aber kleiner Spoiler: Das tun wir nicht!

Therapie mit einem pluralen System bedeutet:
Nicht alle Innies nehmen teil, nicht alle wissen, dass eine Therapie stattfindet. Manche trauen dem fremden Menschen nicht, manche kommen in Sitzungen, ohne dass die anderen davon wissen und manche halten die Inhalte einer Stunde nicht durch bis zur nächsten.

Das ist keine Sabotage! Das ist, wie plurale Systeme funktionieren. Und Therapie, die das nicht einplant, arbeitet an der Oberfläche.

Was das konkret bedeutet:
Eine Therapeutin, die nur mit einem Teil des Systems arbeitet, erreicht die anderen nicht automatisch. Fortschritte in einer Sitzung müssen nach innen kommuniziert werden. Das kostet Zeit, Energie und das braucht Raum in der Therapie selbst.

DIS und Therapie

DIS und Therapie – gut gemeint, trotzdem falsch

Wir reden hier nicht von böswilligen Therapeuten. Wir reden von Ansätzen, die für Einzelpersonen entwickelt wurden und bei pluralen Systemen nicht funktionieren oder schlimmer: die das System unter Druck setzen, ohne das zu wollen.

Das klassische Beispiel:
Der Fokus auf Integration als einziges Therapieziel. In vielen Ansätzen gilt das Zusammenwachsen aller Innies zu einer Persönlichkeit als Ziel.
Was dabei übersehen wird: Für viele plurale Systeme ist das weder realistisch noch gewünscht. Und ein Therapieziel, das das System als Problem betrachtet, das gelöst werden muss, ist oft kein sicherer Rahmen.

Ein weiteres Problem:
Techniken aus der klassischen Traumatherapie, die voraussetzen, dass eine kontinuierliche Erinnerung vorhanden ist. Bei Systemen mit Amnesiebarrieren zwischen Innies funktioniert das nicht ohne Anpassung.

Und dann gibt es die Therapeuten, die abbrechen. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie merken, dass sie nicht ausgebildet sind für das, was da vor ihnen sitzt. Das ist ehrlich, aber es trifft trotzdem, besonders wenn schon ein gewisses Vertrauensverhältnis und eine professionelle Beziehung aufgebaut wurde.

Was gute Therapie für plurale Systeme bedeutet

Wir suchen keine perfekten Therapeuten. Wir suchen Menschen, die wissen, was sie nicht wissen. Die bereit sind, gemeinsam herauszufinden, was hilft, die das System nicht als Hindernis behandeln, sondern als das, was es ist: eine komplexe, kreative Antwort auf etwas, das unerträglich war.

DIS und gute Therapie – Was das konkret bedeutet

  • Sicherheit vor Tempo.
    Bevor an Traumainhalten gearbeitet wird, braucht das System Stabilität, Innenwelt-Kommunikation, Orientierung. Das ist keine Vorstufe zur richtigen Therapie, das ist ein zentraler Teil davon.
  • Flexibilität im Kontakt.
    Gute Therapie mit pluralen Systemen arbeitet mit dem, was gerade da ist. Nicht mit dem, was laut Stundenplan dran wäre.
  • Kein festes Therapieziel, das das System auflöst.
    Coexistenz kann ein Ziel sein. Kommunikation nach innen kann ein Ziel sein. Funktionierender Alltag kann ein Ziel sein. Integration ist eine Option, keine Pflicht.

Was zwischen den Sitzungen passiert

Therapie ist einmal die Woche, manchmal seltener. Das Leben passiert dazwischen.
Was in dieser Zeit passiert, ist für plurale Systeme oft genauso anstrengend (wenn nicht sogar anstrengender) wie die Stunde selbst. Inhalte aus der Therapie müssen nach innen kommuniziert werden. Innies, die an der Stunde nicht beteiligt waren, müssen abgeholt werden. Manchmal kommt nach einer intensiven Sitzung Unruhe im System, weil etwas aufgebrochen wurde, ohne dass es abgeschlossen ist.

Therapeut:innen, die das wissen und einplanen, gestalten Stunden anders. Sie lassen Zeit für Nachbereitung. Sie fragen, wie die Woche zwischen den Sitzungen war, und meinen damit nicht nur die Person, die gerade im Stuhl sitzt.

DIS und Therapie – Ziel Integration oder Koexistenz?

Die Diskussion um das Therapieziel bei DIS ist alt. Lange galt Integration als das einzig legitime Ziel: alle Innies sollen zu einer Persönlichkeit werden. Neuere Forschung und vor allem die Perspektiven von Betroffenen selbst haben dieses Bild verändert.

Kooperative Coexistenz, also das Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Innies ohne vollständige Integration, wird heute als vollwertiges Therapieziel anerkannt. Für viele Systeme ist das nicht der zweite Preis. Für uns z.B. ist es das, was sich richtig anfühlt.

Was das für die Therapie bedeutet:
Das Ziel sollte nicht vorgegeben werden, bevor das System überhaupt weiß, was es will. Und es sollte sich ändern dürfen!

Co-Existenz oder Integration

DIS und Therapie – Was sich ändern muss

Wir schreiben diesen Artikel nicht, damit sich jemand schuldig fühlt. Wir schreiben ihn, weil Schweigen nichts besser macht.

DIS-Menschen verdienen Therapieplätze, die auf sie ausgelegt sind. Therapeut:innen, die ausgebildet sind, nicht überfordert. Strukturen, die plurale Systeme nicht als Ausnahme behandeln, sondern als das, was sie sind: Menschen, die Hilfe suchen wie alle anderen!

Das fängt in der Ausbildung an, es geht weiter bei den Krankenkassen, die DIS-spezifische Therapien noch immer nicht ausreichend abdecken. Und es endet bei uns allen, die darüber reden, damit es normal wird, darüber zu reden.

Wenn ihr gerade sucht und noch nicht gefunden habt:
Das liegt nicht an euch. Haltet das fest!

Schaut euch gerne unseren Survival-Guide an zum Thema:
DIS-erfahrene Therapeut:innen finden

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