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Feiertage mit DIS – Praktische Strategien für stressfreiere Festtage

Die Feiertage nahen und für viele Menschen mit DIS bedeutet das: erhöhte innere Anspannung, triggernde Familiendynamiken, unerwartete Alltagsstrukturen und der ständige Druck, „ganz normal“ zu wirken. Während andere Menschen sich auf festliche Mahlzeiten und Zusammenkünfte freuen, navigieren DIS-Menschen oft durch ein komplexes System innerer Bedürfnisse, potenzieller Trigger und verschiedener Persönlichkeitsanforderungen.

Wir wissen: Standard-Ratschläge funktionieren für DIS-Systeme nicht. „Einfach entspannen“ hilft nicht, wenn unterschiedliche innere Persönlichkeiten völlig verschiedene Sicherheitsbedürfnisse haben. Deshalb teilen wir mit euch unsere bewährten Strategien, um die Feiertage nicht nur zu überstehen, sondern sie auch tatsächlich genießbar zu machen.

Warum sind Feiertage für DIS-Systeme besonders herausfordernd?

Feiertage bringen perfekte Bedingungen für inneres Chaos mit sich:

Strukturveränderungen: Der normale Alltag fällt weg. Keine festen Weckzeiten, keine regulären Aufgaben, keine vorhersehbaren Tagesabläufe. Für DIS-Systeme ist Struktur oft das einzige, was innere Stabilität garantiert. Ohne sie entstehen schnell Lücken, in denen Wechsel unkontrolliert passieren oder Co-Bewusstsein bricht ein.

Triggernde Familiendynamiken: Viele DIS Menschen haben Trauma in Familien-Settings erlebt. Weihnachten zuhause bedeutet: alte Wunden, bekannte Trigger, potenzielle Retraumatisierung. Gleichzeitig wird erwartet, dass wir „funktionieren“ und Normalität vortäuschen.

Innere Uneinigkeit: Manche inneren Persönlichkeiten freuen sich auf die Feierlichkeiten. Andere assoziieren Weihnacht mit Trauma. Wieder andere sind komplett dissoziiert und nehmen gar nicht bewusst teil. Diese Spannungen können tagelang im Hintergrund brodeln.

Dauerhafter sozialer Kontakt: Manche von uns sind introvertiert oder haben Spannungen mit bestimmten Familienmitgliedern. Statt einzelner Besuche sitzen wir dann eine ganze Woche zusammen. Das ist für unser inneres System anstrengend.

Finanzielle und materielle Anforderungen: Geschenke kaufen, planen, organisieren – das kostet Energie, die viele von uns einfach nicht haben.

Schlaf- und Routineverlust: Unregelmäßige Schlafenszeiten, veränderte Essenszeiten und untypische Aktivitäten bringen innere Systeme durcheinander.

Strategie 1 für Feiertage mit DIS: Die „Feiertags-Struktur“ aufbauen

Ja, wir wissen – die Ironie ist, dass wir euch helfen, eine Struktur zu schaffen, während alle anderen „Entschleunigung“ predigen. Aber für DIS-Systeme ist das essentiell.

Was wir machen:

  • Wir erstellen eine Wochen-Übersicht, die festlegt:
    Wann ist „stille Zeit“ (nur innere Zeit, keine Verpflichtungen)?
    Wann ist „zusammen-Zeit“ mit der Familie?
    Wann haben wir „Puffer“ (Zeiten, in denen wir flexibel bleiben können)?
  • Wir setzen tägliche Ankerpunkte:
    Eine morgendliche Routine (auch wenn sie nur 10 Minuten dauert),
    eine feste Essenszeit, eine feste Schlafenszeit.
  • Wir bauen „Fluchtrouten“ ein:
    Zeiten, in denen wir uns in unser Zimmer zurückziehen dürfen, ohne dass das unhöflich wirkt. „Ich brauch eine Stunde für mich“ ist ein vollständiger Satz.

Praktisches Beispiel:

WEIHNACHTSWOCHE – STRUKTUR-ÜBERBLICK
Mittwoch (Heilig Abend): Ankunft + leichte Ankommen-Phase (19:00-21:00 stille Zeit)
Donnerstag (1. Weihnachtstag): Halber Tag Familie, halber Tag innen (ab 16:00 stille Zeit)
Freitag (2. Weihnachtstag): Haupttag Familienaktivität + großzügige Erholungspause abends
Samstag: Innentag – Familie akzeptiert, dass wir weniger präsent sind
Sonntag: Ausgleich – wieder mehr Familienzeit, aber mit klaren Grenzen

Dies gilt als Beispiel, sofern es um 5 Tage geht. Natürlich kann man das alles anpassen und invididuell gestalten.

Feiertage mit Struktur

Strategie 2 für Feiertage mit DIS: Innere Kommunikation verstärken

Wenn verschiedene Persönlichkeiten unterschiedliche Bedürfnisse haben, führt das zu unbewussten Konflikten. Diese Konflikte zeigen sich dann als Anspannung, Reizbarkeit oder plötzliche Dissoziation.

Was wir machen:

  • Wir führen ein „Feiertags-Journal“
    Nicht für die Außenwelt, sondern für innen. Jede Persönlichkeit kann darin eintragen: Was brauch ich? Was triggert mich? Was freut mich?
  • Wir treffen innere „Vereinbarungen“
    „Person A, dir ist wichtig, dass wir die Weihnachtsdekoration mögen. Person B, dir ist wichtig, dass wir nicht zu lange draußen sind. Lasst uns einen Kompromiss finden.“
  • Wir nutzen visuelle Systeme
    Ein Farbcode-Kalender, auf dem jede innere Persönlichkeit eintragen kann, wie es ihr
    an diesem Tag geht.

Praktisches Beispiel:
Statt: „Ich weiß nicht, warum ich plötzlich so gereizt bin“
besser:
Meine innere Therapeut-Persönlichkeit weiß, dass heute emotional anspruchsvoll wird.
Meine innere Kind-Persönlichkeit freut sich auf die Plätzchen.
Meine innere Schutz-Persönlichkeit ist angespannt, weil XY kommt und der triggert.

Das sind drei legitime Realitäten gleichzeitig!

Strategie 3 für Feiertage mit DIS: Trigger-Management und Sicherheitsplanung

Feiertage sind vorhersehbar. Das bedeutet:
Wir können uns im Voraus auf Trigger vorbereiten.

Was wir machen:

  • Wir machen eine „Trigger-Landkarte“:
    Welche Orte, Personen oder Aktivitäten triggern uns?
  • Für jeden bekannten Trigger planen wir eine Strategie:
    Können wir den Ort meiden? Können wir eine „Flucht-Route“ haben? Können wir jemanden im Voraus informieren?
  • Wir erstellen einen „Notfall-Plan“:
    Wenn es triggert, was hilft dann schnell?

Praktisches Beispiel:

  • Trigger: Familienfotos von früher
  • Strategie: „Wenn Mama die alten Fotoalben rausholt, sagen wir:
    ‚Jetzt bin ich nicht in der Stimmung dafür, können wir das später machen?‘ oder wir verlassen einfach den Raum.“
  • Notfall-Plan: „Wenn wir uns nicht gut fühlen, gehen wir auf die Toilette, atmen tief durch, und schreiben eine schnelle Nachricht an eine Vertrauensperson.“

Strategie 4 für Feiertage mit DIS: Grenzen setzen – und zwar vorher

Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt:
Grenzen funktionieren nur, wenn wir sie VORHER kommunizieren, nicht während des Konflikts.

Was wir machen:

  • Wir kommunizieren klar vor den Feiertagen:
    „Das sind unsere Grenzen diese Weihnacht.“
  • Wir lehnen Aktivitäten ab, die wir nicht schaffen:
    „Danke für die Einladung zum Weihnachtsmarkt, aber wir sind dann zu überfordert. Können wir stattdessen zusammen einen Filme schauen?“
  • Wir bestehen auf Rückzugszeiten:
    „Wir brauchen von 15:00-17:00 absolute Ruhe. Wir machen dann nicht mit am Familienprogramm.“

Wichtig: Das ist nicht egoistisch! Das ist Selbstschutz. Wenn wir nicht für unsere Grenzen einstehen, werden wir evtl. retraumatisiert, überlastet und brauchen danach Wochen zum Erholen.

Strategie 5 für Feiertage mit DIS: Selbstfürsorge konkret planen

„Selbstfürsorge“ ist oft ein zu vages Konzept. Für DIS ist konkrete Planung wichtig.

Was wir machen:

  • Körper-Sicherheit: Warme, angenehme Kleidung; bestimmte Texturen/Materialien, die beruhigen; genug Wasser trinken; regelmäßiges Essen
  • Sensorische Sicherheit: Playlist mit Lieblingsliedern; bestimmte Gerüche (Duftkerze, Duschcreme); angenehme Orte zum Zurückziehen
  • Innere Sicherheit: Regelmäßige „innere Check-ins“ (15 Min täglich fragen: „Wie geht es euch da drinnen?“); ein Notizbuch, in dem Gedanken landen können
  • Externe Sicherheit: Eine Vertrauensperson, die wir anrufen können; ein Signal, das wir geben können, wenn es zu viel wird

Praktisches Beispiel einer Selbstfürsorge-Routine:

MORGENS (10 Minuten):

  • Warme Dusche
  • Lieblingstee trinken
  • 5 Minuten innere Check-in mit allen Persönlichkeiten

MITTAGS (bewusst essen):

  • Lieblingsgericht oder etwas Warmes
  • Ohne Stress/Fernseher, nur essen

ABENDS (20 Minuten):

  • Warme Decke
  • Lieblingsmusik oder Hörbuch
  • Journal-Eintrag für innen
  • Schlafenszeit-Routine

Strategie 6 für Feiertage mit DIS: Den „Nach-Feiertag-Zusammenbruch“ managen

Viele von uns erleben nach den Feiertagen einen Zusammenbruch, wie z.B. extreme Müdigkeit, emotionale Entleerung, innere Konflikte. Das ist nicht Schwäche, sondern völlig normal nach einer Phase ständiger Anspannung.

Was wir machen:

  • Wir planen den Tag nach den Feiertagen nicht zu voll
  • Wir geben uns selbst Erlaubnis, langsam zu fahren (nicht „zurück zur Normalität rasen“)
  • Wir nutzen die Zeit für innere Aufarbeitung: Was war triggernd? Was hat geholfen? Was müssen wir nächstes Jahr anders machen?
  • Wir feiern unsere Erfolge: Wir haben es geschafft!

Was hilft noch konkret?

Einige praktische Tools, die wir nutzen:

  • Die „Feiertags-Notfalltüte“: Kopfhörer, Augenklappe, kleine Snacks, Stress-Ball, ein liebevoll geschriebener Brief an uns selbst
  • Ein „Flucht-Signal“: Nur wir und eine vertraute Person kennen es. Wenn wir es geben, wissen sie: „Jetzt ist Schluss, bitte gebt uns Raum.“
  • Ein inneres „Sicherheitsmantra“: Etwas, das wir uns immer wieder sagen können.
    Bei uns: „Wir sind jetzt sicher. Das ist nur eine Woche. Wir schaffen das.“
  • Externe Struktur-Hilfe: Ein gemeinsamer Kalender mit klaren Farben; eine To-Do-Liste, auf der nur die Essentials stehen
  • Digitale „Escape-Routen“: Lieblingsserien, Gaming, YouTube-Videos, für schnelle innere Pausen
Feiertage mit DIS- Notfallüte

Die Realität: Es wird nicht perfekt

Und das ist okay!

Vielleicht reitet euch doch ein Familienkonflikt auf, ihr dissoziiert unerwartet. Vielleicht löst ein Wort von XY ein großes Trauma aus. Das ist nicht euer Fehler. Das ist die Realität von DIS-Systemen in triggernden Umgebungen.

Wichtig ist: Habt einen Plan B. Weiß jemand, wem ihr vertraut, dass ihr DIS habt? Könnt ihr dieser Person eine Nachricht schreiben, wenn es zu viel wird? Könnt ihr euch selbst erlauben, weniger „präsent“ zu sein?

Die Feiertage sind nicht dazu da, um euer System zu zerstören.
Ihr dürft euch selbst an erste Stelle setzen.

Zum Schluss: Ihr seid nicht alleine

Viele von uns in der Community haben ähnliche Kämpfe während der Feiertage. Wenn ihr euch isoliert oder überfordert fühlt, dann ist das normal. Und es ist ein Zeichen dafür, dass ihr euch selbst schützen müsst, aber nicht dass etwas mit euch falsch ist.

Wir wünschen euch Feiertage, die für euer System funktionieren.
Das kann bedeuten: leise, einsam, strukturiert, oder komplett anders als das, was alle
um euch herum tun.

Das ist okay. Ihr seid okay. Und wir sind hier, wenn ihr Unterstützung braucht 🫶

Wenn ihr weitere Fragen zu Feiertags-Strategien habt oder eure eigenen Tipps mit der Community teilen möchtet: Kommentiert gerne, schreibt uns eine DM oder teilt eure Erfahrungen. Gemeinsam sind wir stärker.

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