Journaling mit DIS – Warum es anders ist (und wie es trotzdem funktioniert)

Journaling mit DIS ist anders, als Tagebuch schreiben, was für viele Menschen ein einfacher Weg ist, um Gedanken zu sortieren, Erlebnisse festzuhalten und sich selbst besser kennenzulernen. Ein paar Minuten am Abend, Stift auf Papier und schon fühlt sich der Tag irgendwie runder an.

Für DIS-Menschen kann Journaling all das auch sein, aber es funktioniert ein bisschen anders. Wenn mehrere Persönlichkeiten in einem System leben, stellen sich beim Journaling ganz neue Fragen:
Wer schreibt gerade?
Was haben die anderen erlebt, während wir nicht vorne waren?
Wie können wir als System von einem gemeinsamen Journal profitieren, ohne dass es im Chaos endet?
Und wie gehen wir damit um, wenn wir unsere eigene Handschrift lesen und uns an nichts erinnern können?

In diesem Artikel zeigen wir euch, warum Journaling mit DIS besondere Anpassungen braucht, welche Herausforderungen dabei auftreten können und wie ihr trotzdem (oder gerade deswegen!) vom Schreiben profitieren könnt.
Wir teilen auch unsere eigenen Erfahrungen, auch inklusive der Fehlversuche, aus denen wir am meisten gelernt haben.

Warum Journaling mit DIS anders funktioniert

Die meisten Journaling-Ratgeber gehen von einer Grundannahme aus, dass eine Person für sich schreibt selbst, sich an das Geschriebene erinnert und über Wochen und Monate eine zusammenhängende Geschichte ihres Lebens aufbaut. Bei DIS funktioniert das nicht ganz so linear. Und das ist nicht schlimm, es bedeutet nur, dass wir Journaling an unsere Realität anpassen müssen, statt uns in ein System zu zwingen, das nicht für uns gemacht wurde.

Herausforderung 1: Erinnerungslücken und fehlende Kontinuität beim Journaling mit DIS

Stellt euch vor, ihr schlagt euer Tagebuch auf und lest einen Eintrag von gestern. Nur dass ihr euch an gestern nicht erinnert oder nur bruchstückhaft. Oder dass der Eintrag von Erlebnissen berichtet, die ihr nicht hattet, weil eine andere Persönlichkeit vorne war.

Das kann frustrierend sein und es kann verunsichern. Manche DIS-Menschen berichten, dass sie sich beim Lesen ihres eigenen Journals fremd fühlen, als würden sie in einem fremden Tagebuch schnüffeln.

Aber hier liegt auch die größte Chance: Ein Journal wird zum gemeinsamen Gedächtnis. Es dokumentiert nicht nur eure individuellen Erlebnisse, sondern die Realität eures gesamten Systems. Es ist kein Werkzeug für „eine Person“, sondern für „euch als Kollektiv“. Plötzlich sind diese Erinnerungslücken keine Schwäche mehr, sondern der Grund, warum Journaling mit DIS für euch besonders wertvoll sein kann.

Herausforderung 2: Verschiedene Schreibstile und Bedürfnisse

Jede Persönlichkeit in eurem System hat vermutlich eigene Vorlieben, wie sie schreiben möchte, denn manche mögen strukturierte Listen und To-Do-Aufzählungen. Andere brauchen kreative Freiformen, Gedichte oder assoziative Gedankenströme, während wieder andere vielleicht lieber durch Zeichnungen, Symbole oder nur durch Stichpunkte kommunizieren.
Ein „normales“ Tagebuch mit leeren Seiten und der impliziten Erwartung, dass jeden Tag drei Absätze über „Was heute passiert ist“ geschrieben werden, passt da nicht.

Ein DIS-Journal muss Platz für diese Vielfalt bieten, denn es muss ein Raum sein, in dem sich alle wohlfühlen können, auch die Persönlichkeiten, die nicht gerne schreiben oder sich nicht gut ausdrücken können.

Herausforderung 3: Wer schreibt gerade?

Ohne klare Kennzeichnung kann es schwer sein nachzuvollziehen, welche Persönlichkeit wann geschrieben hat, was die Innenkommunikation erschwert und zu Missverständnissen führen kann.

Gleichzeitig kann gerade diese Notwendigkeit zur Selbst-Identifikation („Ich bin gerade X und schreibe das hier“) das Co-Bewusstheit fördern. Sie zwingt sanft dazu, sich der eigenen Präsenz bewusst zu werden, was für viele Systeme ein wichtiger Schritt ist.

Herausforderung 4: Unterschiedliche Beziehungen zum Schreiben


Nicht alle Persönlichkeiten in einem System haben das gleiche Verhältnis zum Schreiben, denn manche lieben es, manche finden es okay, manche hassen es regelrecht. Das bedeutet, dass Journaling mit DIS wird nie für alle gleich funktionieren wird. Und das ist völlig in Ordnung.

Ein gutes DIS-Journal erlaubt es, dass manche Persönlichkeiten ausführlich schreiben, während andere nur ihre Anwesenheit markieren. Oder dass manche täglich reinschauen, während andere nur in Krisensituationen etwas beitragen.

Journaling mit DIS

Journaling mit DIS als Brücke zwischen den Persönlichkeiten

Trotz (oder wegen!) dieser Herausforderungen kann ein Journal zu einem der wichtigsten Tools für euer System werden. Es hilft bei der Innenkommunikation, macht Muster sichtbar, dokumentiert Fortschritte und gibt allen Persönlichkeiten eine Stimme und das auch denen, die im Alltag seltener vorne sind oder sich schwer ausdrücken können.

Ein Journal kann zum sicheren Raum werden, indem ihr als System zusammenfindet. Wo ihr euch Nachrichten hinterlasst, lernt, einander zu verstehen und merkt: Wir sind viele, aber wir teilen uns ein Leben!

Praktische Tipps: So funktioniert Journaling mit DIS

Genug Theorie, denn jetzt wird es konkret.
Hier sind unsere praxiserprobten Tipps, wie ihr Journaling mit DIS an eure Bedürfnisse als System anpassen könnt.

Tipp 1: Kennzeichnet, wer schreibt

Das ist vermutlich der wichtigste Tipp überhaupt. Entwickelt ein System, damit klar ist, welche Persönlichkeit gerade aktiv ist, das kann auf verschiedene Arten funktionieren:

  • Namen oder Initialien am Anfang jedes Eintrags
  • Verschiedene Farben (jede Persönlichkeit hat „ihre“ Farbe)
  • Symbole oder kleine Zeichnungen
  • Nummerierungen, wenn ihr eure Persönlichkeiten so organisiert habt
  • Unterschiedliche Stifte oder Schriftarten (bei digitalen Journals)

Manche Systeme gehen noch einen Schritt weiter und notieren auch die Uhrzeit oder emotionale Zustände. Das kann bei der späteren Analyse von Mustern extrem hilfreich sein.

Tipp 2: Nutzt verschiedene Formate nebeneinander beim Journaling mit DIS

Euer Journal muss kein einheitliches Tagebuch sein, denn es darf ein buntes Sammelsurium werden.

Schafft Raum für:

  • Ausführliche Texte und Tagebucheinträge
  • Stichpunktlisten („Heute: Einkaufen, Therapie, mit Freundin telefoniert“)
  • Zeichnungen, Kritzeleien, Mandalas
  • Tabellen zur Stimmungsdokumentation
  • Gedichte oder kreative Texte
  • Einfach nur Smileys oder Wetter-Symbole
  • Geklebte Erinnerungsstücke (Tickets, Fotos, Notizzettel)

Nicht jede Persönlichkeit muss gleich zum Journal beitragen.
Vielfalt ist nicht nur erlaubt, sondern gewünscht.

Tipp 3: Schafft Struktur, aber bleibt flexibel

Manche Systeme profitieren von festen Journaling-Routinen.

Zum Beispiel:

  • Morgens: Kurze Notiz, wer vorne ist und wie die Tagesverfassung ist
  • Abends: Reflexion über den Tag
  • Wöchentlich: Rückblick auf Muster, Trigger, positive Momente

Andere Systeme brauchen totale Freiheit. Sie schreiben nur, wenn sie wollen,
ohne Druck und ohne feste Zeiten. Findet heraus, was für euch funktioniert.
Und wenn sich eure Bedürfnisse ändern (was sie wahrscheinlich werden), passt euer System an.

Ein Journal ist kein Vertrag, denn es darf sich mit euch entwickeln, aber hier sind mögliche Strukturelemente, die sich bewährt haben:

  • „Trigger-Tagebuch“: Dokumentiert, was euch aus der Bahn wirft
  • „Dankbarkeits-Seite“: Was lief heute gut?
  • „Kommunikations-Board“: Nachrichten zwischen Persönlichkeiten
  • „Notfallseiten“: Was hilft in Krisen?
  • „Fortschritts-Tracker“: Therapieziele, Selbstfürsorge-Gewohnheiten

Tipp 4: Journaling mit DIS für Innenkommunikation nutzen

Das ist vielleicht die kraftvollste Funktion eines DIS-Journals: Es kann als Nachrichten-Board zwischen den Persönlichkeiten dienen.

Beispiele:

  • „Hey, wer auch immer morgen vorne ist: Bitte denk an den Arzttermin
    um 10 Uhr!“
  • „An alle: Ich war heute beim Einkaufen und hab vergessen, Milch zu holen. Könnte jemand nachschauen, ob wir noch welche haben?“
  • „Danke an die Persönlichkeit, die gestern den Konflikt mit XY geklärt hat.
    Das war mutig.“

Diese kleinen Nachrichten stärken den Zusammenhalt. Sie zeigen: Wir sind ein Team. Wir kümmern uns umeinander. Wir sind nicht allein.

Manche Systeme nutzen ihr Journal auch, um Fragen zu stellen:
„Warum hab ich gestern so auf die Bemerkung von meinem Kollegen reagiert?“ und bekommen Antworten von anderen Persönlichkeiten, die vielleicht mehr Kontext haben.

Tipp 5: Nutzt euer Journaling mit DIS für Krisenmanagement

Viele nutzen Journaling mit DIS auch ganz gezielt für schwierige Momente.

Zum Beispiel:

  • Trigger dokumentieren: „Heute ausgelöst worden durch:
    laute Stimmen im Supermarkt“
  • Dissoziation tracken: „Heute 3 Stunden Blackout, danach
    völlig verwirrt aufgewacht“
  • Notfallpläne festhalten: „Wenn Panikattacke: 5-4-3-2-1-Methode,
    dann Freundin anrufen“
  • Sicherheitsstrategien: „Safe Place visualisieren: der Bach hinter Omas Haus“

In akuten Krisen kann ein Blick ins Journal lebensrettend sein. Es erinnert euch daran, was schon mal geholfen hat, zeigt euch, dass ihr schon andere schwere Momente überstanden habt. Es gibt euch Halt, wenn alles wackelt.

Tipp 6: Seid gnädig mit euch

Nicht jeden Tag schreiben zu können, ist völlig okay. Journaling mit DIS soll Unterstützung sein, kein Druck. Wenn ihr Tage, Wochen oder sogar Monate aussetzt, dann ist das in Ordnung. Euer Journal wartet geduldig auf euch. Es wird euch nicht verurteilen.

Manche Systeme haben Phasen, in denen Journaling total hilfreich ist. Dann gibt es wieder Phasen, in denen es zu viel ist, zu triggernd oder einfach nicht passt. Hört auf euer System. Wenn Journaling gerade nicht funktioniert, ist das kein Versagen, sondern ein Zeichen, dass ihr auf eure Bedürfnisse achtet.

Tipp 7: Digital oder analog? Findet euren Weg

Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ beim Format.

Analoge Journals (Notizbücher, Bullet Journals):

  • Haptisches Erlebnis, oft beruhigend
  • Keine Ablenkung durch Benachrichtigungen
  • Persönlicher, intimer
  • Schwerer zu organisieren
  • Kann verloren gehen
  • Verschiedene Handschriften können irritieren

Digitale Journals (Apps, Dokumente, spezielle Software):

  • Suchfunktion macht alte Einträge leicht auffindbar
  • Verschiedene Persönlichkeiten können verschiedene „Schriftarten“ nutzen
  • Backups möglich
  • Kann mit Passwort geschützt werden
  • Fühlt sich für manche unpersönlicher an
  • Technische Hürden möglich

Manche Systeme kombinieren auch beides: Ein kleines Notizbuch für unterwegs, ein digitales System für ausführlichere Reflexionen zu Hause.

Journaling

Unsere Erfahrung: Journaling mit DIS bei den Nikas

Für uns war Journaling mit DIS anfangs ein totales Chaos. Wir haben versucht, ein „normales“ Tagebuch zu führen, so wie die Influencer:innen auf Instagram das machen, mit schönen Stickern und Washi-Tape und perfekter Handschrift.

Spoiler: Es hat nicht funktioniert.

  • Zu viele Lücken. Zu viel Verwirrung.
  • „Warum hab ich das geschrieben? Das klingt überhaupt nicht nach mir.“
  • Einträge, die mittendrin die Handschrift wechselten.
  • Tage, an denen wir aufschlugen und überhaupt nicht wussten, was in den letzten 48 Stunden passiert war.

Wir sind gescheitert. Mehrfach. Dann haben wir angefangen, unser Journal an unsere Bedürfnisse als System anzupassen. Wir haben Bereiche für verschiedene Persönlichkeiten geschaffen. Ein Symbolsystem entwickelt (ein kleiner Stern für eine bestimmte Persönlichkeit, eine Blume für eine andere). Platz für kreative Ausdrucksformen gelassen, wie Zeichnungen, eingeklebte Zettel, chaotische Gedankenströme.

Plötzlich wurde das Journaling mit DIS zu einem Ort, an dem wir uns alle wiederfinden konnten. Es wurde zu unserem wichtigsten Kommunikationsmittel, unserem gemeinsamen Gedächtnis. Zu einem Beweis, dass wir zusammen durch schwere Zeiten gekommen sind.

Heute ist unser Journal eines unserer wichtigsten Alltagstools. Es hilft uns, den Überblick zu behalten, Muster zu erkennen und uns gegenseitig zu unterstützen. Und ja, manchmal ist es immer noch chaotisch. Manchmal finden wir Einträge, die wir nicht zuordnen können, vergessen wochenlang zu schreiben, aber das gehört dazu. Weil wir eben kein „normales“ Tagebuch führen. Sondern ein System-Journal (Inside Out Journal). Und das darf so unordentlich, vielfältig und lebendig sein, genauso wie wir.

Unser System-Journal bald verfügbar für euch, hier die Warteliste!

Häufige Fragen zum Journaling mit DIS

„Sollen wir ein gemeinsames oder mehrere separate Journals führen?“

Beides kann funktionieren. Manche Systeme haben ein gemeinsames Journal, in dem alle schreiben. Andere geben jeder Persönlichkeit ihr eigenes Notizbuch.

Der Vorteil eines gemeinsamen Journals:
Es fördert die Kommunikation und das Gemeinschaftsgefühl.

Der Vorteil separater Journals:
Jede Persönlichkeit hat ihren eigenen sicheren Raum.

Ihr könnt auch kombinieren:
Ein gemeinsames „Alltags-Journal“ plus private Bereiche für Persönlichkeiten, die das brauchen.

„Was, wenn ich die Handschrift einer anderen Persönlichkeit nicht mag?“

Das kommt vor. Manche Systeme berichten, dass sie bestimmte Handschriften als „fremd“ oder sogar unangenehm empfinden.

Eine Lösung:
Wechselt zu digitalem Journaling, wo alle die gleiche Schriftart nutzen können. Oder entwickelt ein Symbol-System, bei dem die Handschrift weniger wichtig ist.

„Ist es normal, dass ich meine eigenen Einträge nicht verstehe?“

Absolut. Ihr seid viele Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Ausdrucksweisen. Dass ihr nicht immer nachvollziehen könnt, was eine andere Persönlichkeit geschrieben hat, ist Teil der DIS-Realität.

Das kann frustrierend sein. Aber es kann auch spannend sein:
Euer Journal wird zu einem Fenster in andere Teile eures Systems.

„Wie gehe ich damit um, wenn Journaling triggert?“

Manche DIS-Menschen berichten, dass bestimmte Einträge, besonders traumabezogene, triggern können.

Optionen:

  • Triggerwarnungen: Persönlichkeiten, die über schwere Themen schreiben, können vorher warnen
  • Separater Trauma-Bereich, den man bewusst aufschlagen muss
  • Therapeutische Begleitung beim Lesen alter Einträge
  • Pausen einlegen, wenn es zu viel wird

Journaling mit DIS soll helfen, nicht zusätzlich belasten!

Fazit Journaling mit DIS: Euer Journal, eure Regeln

Journaling mit DIS ist anders. Es ist komplexer, unvorhersehbarer, manchmal chaotischer als „normales“ Tagebuch-Schreiben. Aber es ist auch unglaublich wertvoll.

Wenn ihr euer Journal an eure Bedürfnisse als System anpasst, kann es zu einem kraftvollen Werkzeug für Selbstfürsorge, Innenkommunikation und Alltagsorganisation werden.

Es kann euch helfen, euch selbst besser zu verstehen.
Es kann Brücken bauen zwischen den Persönlichkeiten.
Es kann in Krisen Halt geben.

Ihr müsst nicht perfekt sein. Euer Journal muss nicht perfekt sein, denn es muss nicht schön aussehen, nicht jeden Tag gefüllt werden, nicht literarisch wertvoll sein.
Es muss nur für euch funktionieren. Also probiert aus. Passt an. Verwerft. Beginnt neu. Findet euren eigenen Weg.

Weil es euer Leben ist. Eure Geschichten. Eure Stimmen.
Und die verdienen es, gehört zu werden, auch von euch selbst.

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