Körperwahrnehmung bei DIS – Unser Körper kennt uns nicht immer

Wie ist die Körperwahrnehmung bei DIS?
Es ist Dienstagmorgen. Wir wachen auf und fühlen uns, als hätte jemand anderes unseren Körper die ganze Nacht benutzt. Rücken verspannt, Augen schwer, Hunger ohne Ende, obwohl wir sicher sind, gestern Abend gegessen zu haben. Sicher? Wir checken unser Notizbuch. Ja, jemand hat gegessen. Aber war das dieselbe Person, die jetzt gerade hier liegt und überlegt, ob es sich lohnt, aufzustehen?

Körperwahrnehmung bei DIS ist eines dieser Themen, über das wenig geredet wird, obwohl es den Alltag so massiv prägt. Nicht die Frage, wie wir uns nach außen erklären oder wie wir mit anderen kommunizieren, sondern die ganz grundlegende Frage: Wie ist es eigentlich, in einem Körper zu leben, den mehrere Menschen bewohnen?

Die ehrliche Antwort lautet: komplex. Manchmal verwirrend, manchmal sogar ein bisschen surreal und gleichzeitig ist es einfach unser Alltag.

Heute nehmen wir euch mit in genau diesen Alltag. Was passiert mit Schlaf, Hunger, Erschöpfung und Körpersignalen, wenn verschiedene Persönlichkeiten denselben Körper bewohnen? Und warum ist das keine Einbildung, kein Drama, sondern schlicht die Realität dissoziativer Identitätsstruktur?

Was Körperwahrnehmung bei DIS wirklich bedeutet

Fangen wir mit dem Grundprinzip an. Bei DIS gibt es mehrere Persönlichkeiten, die denselben Körper bewohnen, aber nicht unbedingt denselben Zugang zu ihm haben. Das klingt abstrakt, ist aber erschreckend konkret.

Stellt euch vor, ihr übernehmt morgens früh die Kontrolle und stellt fest: Der Körper hat kaum geschlafen, weil eine andere Persönlichkeit die halbe Nacht wach war. Ihr spürt die Müdigkeit, habt aber keine Erinnerung an die Nacht und seid erschöpft von etwas, das ihr nicht erlebt habt. Willkommen in unserem Alltag.

Körpersignale kommen an, aber nicht immer bei der richtigen Person

Ein zentrales Merkmal von DIS ist, dass Körpersignale nicht automatisch bei der Persönlichkeit ankommen, die gerade aktiv ist. Hunger ist vielleicht für Innie A das stärkste Signal der Welt, während Innie B Hunger kaum registriert und stundenlang weiterarbeitet, bis der Körper buchstäblich streikt. Schmerz wird von manchen Persönlichkeiten deutlich wahrgenommen, während andere denselben Schmerz komplett ausblenden.

Das ist keine Schwäche und kein Fehler im System, sondern das direkte Ergebnis davon, wie DIS als Überlebensstrategie entstanden ist. Teile von uns mussten lernen, Körpersignale auszublenden, um in schwierigen Situationen funktionieren zu können. Was damals überlebenswichtig war, macht heute manchmal das Frühstück oder Schlafen vergessen.

Körperamnesie: Wenn der Körper Dinge weiß, die wir nicht wissen

Es gibt dabei noch eine zweite Dimension, über die kaum gesprochen wird: Körperamnesie. Das bedeutet nicht nur, dass wir uns nicht an bestimmte Ereignisse erinnern, sondern dass unser Körper Spuren trägt, die wir nicht einordnen können. Ein Muskelkater, den wir uns nicht erklären können, weil wir uns nicht erinnern, dass wir gestern Sport gemacht haben. Eine Verspannung, die von einer Aktivität stammt, an der wir nicht bewusst teilgenommen haben.

Unser Inside Out Journal hilft uns u.a. dabei, solche Spuren zu dokumentieren und zu verstehen. Nicht weil Dokumentation alles löst, sondern weil Klarheit über den eigenen Körper ein Akt der Selbstfürsorge ist, auch wenn diese Klarheit manchmal aus dem Notizbuch kommt und nicht aus der eigenen Erinnerung.

Körperwahrnehmung bei DIS

Körperwahrnehmung bei DIS: Wenn die Nacht kein Reset ist

Schlaf soll regenerieren. Für viele DIS-Menschen ist das genauso, aber mit einem kleinen Twist: Nicht für alle Persönlichkeiten gleichzeitig.

Wer schläft eigentlich?

Schauen wir kurz auf das Thema Schlaf, weil es eines der alltäglichsten und gleichzeitig seltsamsten Phänomene bei DIS ist. Wenn wir schlafen gehen, bedeutet das nicht, dass alle Persönlichkeiten gleichzeitig ruhen. Manche von uns sind nachts aktiv, verarbeiten Dinge, haben Träume, die sich für sie real anfühlen, erleben intensive emotionale Zustände, während andere Persönlichkeiten komplett offline sind.

Die Folge: Wer morgens aufwacht, startet nicht zwingend mit dem gleichen Energielevel wie die Person, die abends eingeschlafen ist. Wer die Nacht „hatte“, schläft vielleicht ein, wer die Nacht „bewohnt“ hat, wacht erschöpft auf.

Erschöpfung, die sich nicht erklären lässt

Aus genau diesem Grund ist Erschöpfung bei DIS ein so hartnäckiges Thema. Es gibt eine Art von Müdigkeit, die sich nicht durch schlechten Schlaf, zu viel Stress oder zu wenig Wasser erklären lässt. Es ist die Erschöpfung eines Systems, das konstant arbeitet, auch wenn keine einzelne Persönlichkeit sich das bewusst so erlebt.

Dazu kommt die emotionale Erschöpfung durch Switching. Jedes Mal, wenn eine andere Persönlichkeit übernimmt, kostet das Energie, auch wenn es automatisch passiert. Das ist vergleichbar damit, ständig den Kontext zu wechseln, einen neuen Tab aufzumachen, kurz orientieren, wo man war, was gerade läuft, was der Körper braucht.

Wir sagen das nicht, um zu klagen. Wir sagen es, weil es wichtig ist zu verstehen: Wenn DIS-Menschen sagen, dass sie erschöpft sind, obwohl sie „nichts gemacht haben“, dann ist das keine Ausrede und keine Übertreibung. Das ist der Körper, der ehrlich berichtet, was er gerade trägt.

Was das für den Alltag bedeutet

Praktisch bedeutet das: Pausen sind für uns kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Nicht die klassischen „mal kurz abschalten“-Pausen, sondern echte Fenster, in denen das System als Ganzes zur Ruhe kommen darf. Bei uns helfen feste Rituale dabei, die auch für verschiedene Persönlichkeiten zugänglich sind. Manche davon haben wir im DISafety Kit zusammengefasst, weil wir festgestellt haben, dass strukturierte Werkzeuge gerade in erschöpften Momenten mehr helfen als guter Wille.

Schlafen mit DIS

Körperwahrnehmung bei DIS: Wie Orientierung aussehen kann

Jetzt wird es praktisch. Nicht als Schritt-für-Schritt-Anleitung, sondern als Einblick in das, was uns hilft und was DIS-Menschen in unserem Umfeld verstehen müssen.

Körpersignale ernst nehmen, auch wenn ihr euch nicht erinnert

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus unserem eigenen Alltag: Wenn der Körper etwas signalisiert, ist das real, auch wenn keine Persönlichkeit dazu eine direkte Erinnerung hat. Erschöpfung ist Erschöpfung. Hunger ist Hunger. Schmerz ist Schmerz. Das klingt banal, ist aber für viele DIS-Menschen tatsächlich eine aktive Übung. Denn wenn Körpersignale nicht immer sauber ankommen, lernt man manchmal, ihnen grundsätzlich zu misstrauen.

Stattdessen lohnt es sich, regelmäßige Check-ins einzubauen. Nicht große Reflexionsrunden, sondern kurze Momente: Wie fühlt sich der Körper gerade an? Was braucht er? Wann hat jemand zuletzt getrunken, gegessen, sich bewegt? Unser Inside Out Journal hat dafür konkrete Seiten, weil wir selbst gemerkt haben, wie viel einfacher das geht, wenn man es aufschreiben kann, statt sich zu erinnern.

Kommunikation im System über den Körper

Ein weiterer Ansatz, der für uns funktioniert: Kommunikation zwischen den Persönlichkeiten über den Zustand des Körpers. Das klingt komisch, ist aber ganz pragmatisch. Wenn eine Persönlichkeit merkt, dass der Körper gerade ausgelaugt ist, kann sie das im gemeinsamen Notizbuch hinterlassen. Wenn jemand Sport gemacht hat, schreibt er das auf oder wenn jemand Kopfschmerzen hatte,
steht das da.

Das ist kein Wundermittel und es klappt nicht immer, aber es reduziert den Anteil an Morgen, an denen wir ratlos vor einem Körper stehen, der offensichtlich mehr erlebt hat, als wir wissen.

Für das soziale Umfeld: Körperliche Signale nicht kleinreden

Noch ein kurzer Einschub für alle, die Menschen mit DIS im Leben haben: Wenn jemand sagt „Ich bin erschöpft, obwohl ich nichts getan habe“, dann ist das nicht Faulheit oder Drama. Das ist gelebte DIS-Realität. Die hilfreichste Reaktion ist keine Erklärung oder Ratschlag, sondern einfach: Glauben. Das Erleben ernst nehmen, auch wenn man es von außen nicht versteht.

Schaut gerne hier mal in den Artikel, das ist ein Guide über alles, was ihr über die DIS wissen müsst.

Einfach Sein

Körperwahrnehmung bei DIS: Ein Körper, viele Erfahrungen

Körperwahrnehmung bei DIS ist kein Randthema. Es ist der Kern davon, wie wir täglich funktionieren, uns selbst verstehen und für uns sorgen können.

Wir tragen keine Diagnose, die uns kaputt macht. Wir haben ein System, das aus gutem Grund so geworden ist, wie es ist, und das täglich Erstaunliches leistet, auch wenn das von außen nicht immer sichtbar ist. Erschöpfung, Schlafschwierigkeiten und das Gefühl, manchmal den eigenen Körper erst kennenlernen zu müssen, sind kein Versagen, sondern Ausdruck davon, wie viel unser System trägt.

Ihr seid nicht allein damit. Und der nächste Dienstagmorgen, an dem ihr nicht sicher seid, wer heute Nacht „dran“ war? Auch das ist einfach euer Leben, in seiner ganzen komplexen, echten Form.

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