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Kreativ sein mit DIS – Warum wir hundert Projekte gleichzeitig anfangen

Kreativ sein mit DIS ist doch eigentlich fast normal oder? Lasst uns das gerade mal auseinandernehmen. Der Gedanke kommt, und er ist groß. Eine Idee, die sich anfühlt wie ein Funkeln, ein Bild, eine Geschichte, ein Nähprojekt, ein Beat. Irgendjemand in uns springt auf. Irgendjemand öffnet eine neue Datei, kauft Wolle, eine Leinwand oder macht eine Sprachmemo.

Und dann, irgendwann zwischen Anfang und Ende, passiert das Gleiche wie immer: Ein anderer ist dran. Ein anderer Innie übernimmt und der wollte das vielleicht nie. Kreativ mit DIS zu sein ist nicht nur ein vielfältiges, sondern manchmal auch kein einfaches Thema. Nicht weil DIS-Menschen nicht kreativ wären, denn das Gegenteil ist meistens der Fall. Sondern weil Kreativität ein Prozess ist, der Kontinuität braucht und Kontinuität ist genau das, was bei einer dissoziativen Identitätsstruktur strukturell herausfordernd ist.

Wir kennen das aus unserem eigenen System. Wir sind ein Team und jede:r von uns hat eigene Vorlieben, eigene Energien, eigene Projekte. Was dabei entsteht, ist manchmal wunderschön, manchmal frustrierend, aber meistens beides.

Dieser Artikel ist für alle, die sich fragen, warum kreative Arbeit mit DIS so aussieht, wie sie aussieht und was hilft, damit evtl. anders umzugehen.

Kommunikation mit DIS

Kreativ sein mit DIS – Was heißt das?

Erstmal: Ja. Kreativ sein mit DIS ist Realität für viele Systeme und es hat einen Grund. Eine dissoziative Identitätsstruktur entsteht in einem Umfeld, das kreative Bewältigungsstrategien erfordert. Innere Welten erschaffen, Persönlichkeiten entwickeln, die verschiedene Aufgaben übernehmen, sich in Räume zurückziehen, die von außen niemand sieht. Das alles ist kreativ und das alles war auch mal Schutz.

Viele Innies haben über Jahre eigene Ausdrucksformen entwickelt. Die einen zeichnen, die anderen schreiben Lyrik. Manche spielen ein Instrument nur für sich. Andere bauen in Gedanken Architekturen. Kreativ sein mit DIS ist also nie eine einzelne Stimme, es ist ein Chor, oft noch mit einem Orchester im Hintergrund. Und ein Chor kann wunderschön klingen, wenn alle in die gleiche Richtung singen und mit dem Orchester im Einklang sind. Das Problem entsteht, wenn sie es nicht tun.

Nehmt ein konkretes Beispiel: Ein Projekt beginnt. Innie A ist Feuer und Flamme, öffnet das Dokument, schreibt drei Seiten, hat schon den Titel. Dann gibt es einen stressigen Tag, einen Trigger, oder einfach die nächste Woche und jetzt ist Innie B dran. Innie B interessiert sich nicht für dieses Projekt. Innie B hat gerade andere Prioritäten. Die drei Seiten? Die wirken fremd, vielleicht sogar peinlich oder lächerlich. Vielleicht löscht Innie B sie (und ja das kommt vor!), vielleicht öffnet er das Dokument nie wieder. Das ist keine Schwäche, keine Faulheit, sondern Kreativ sein mit DIS. Und sie sieht strukturell anders aus als bei einem einzelnen Menschen, der ein Projekt von A bis Z verfolgt.

Eine weitere Dimension

Dazu kommt noch eine weitere Dimension: Viele Innies wissen nicht einmal, was die anderen gerade erschaffen. Wir kennen das. Ein Notizbuch wird aufgeschlagen, und da ist eine Zeichnung. Schön, komplex, eindeutig von jemandem aus dem System, aber niemand weiß mehr genau, von wem. Kreativ sein mit DIS hinterlässt manchmal Spuren wie Fundstücke. Als würde man in der eigenen Wohnung auf etwas stoßen, das man selbst dort platziert hat, aber nicht erinnert.

Das Inside Out Journal haben wir unter anderem deshalb entwickelt, zuerst nur für uns und dann auch für euch, weil es uns so sehr hilft! Als Ort, an dem diese Fundstücke Platz haben. Ein Raum, der keine Kontinuität verlangt, sondern Augenblicke anerkennt, weil kreative Arbeit mit DIS nicht immer ein fertiges Produkt braucht, sondern manchmal ist der Akt selbst das Ziel.

Was also bedeutet es, kreativ mit DIS zu sein? Es bedeutet Vielheit als Rohstoff, dass nicht eine Person kreativ ist, sondern ein ganzes System. Und das heißt, dass die Maßstäbe für „fertig“, „gut“ und „erfolgreich“ aus einer nicht-pluralen Welt kommen, die für uns schlicht nicht gemacht wurde. Das dürfen wir akzeptieren und unserer Lebenswelt anpassen, anstatt die übliche Adaption an die Umwelt zu erwarten und von uns selber zu verlangen.

gemeinsam kreativ sein mit DIS

Warum kreativ sein mit DIS anders läuft

Es gibt etwas, über das in DIS-Kreisen selten gesprochen wird, nämlich die Trauer, die entsteht, wenn kreative Arbeit am System scheitert. Nicht an Talent, nicht an Zeit, nicht an äußeren Umständen, sondern daran, dass jemand anderes vorne ist.

Prokrastination bei DIS hat nämlich oft eine völlig andere Ursache, als Prokrastination bei nicht-dissoziativen Menschen. Bei letzteren geht es häufig um Vermeidung von unangenehmen Gefühlen, mangelnde Motivation oder Überforderung. Bei DIS-Systemen kommt noch etwas hinzu: Der Innie, der heute dran ist, war vielleicht nicht dabei, als die Aufgabe begonnen wurde. Er hat keine emotionale Verbindung zu diesem Projekt, sondern für ihn ist es buchstäblich eine fremde Idee. Das ist kein Willensversagen. Das ist Systemdynamik.

DIS und die kreative Identität

Hinzu kommt die Frage der kreativen Identität. Viele Innies haben einen eigenen Stil, eine eigene Handschrift, einen eigenen Geschmack. Was Innie A für die schönste Art hält, ein Bild zu malen, kann Innie B als völlig falsch empfinden. Projekte enden dann nicht wegen Unlust, sondern wegen echter ästhetischer Inkompatibilität. Als würde man ein Duett komponieren, bei dem die beiden Stimmen nie geprobt haben.

Und dann ist da noch das, was wir den stillen Saboteur nennen würden: der Innie, der löscht. Der, der gespeicherte Dateien schließt, ohne zu speichern, das Nähprojekt auftrennt. Nicht aus Bosheit, denn das ist wichtig. Meistens aus echtem Unverständnis dafür, warum das wichtig war oder aus einem Schutzreflex: Wenn etwas zu persönlich ist, zu exponiert, zu sichtbar, dann macht jemand es ungeschehen. Das ist ein Muster, das wir persönlich kennen. Und es hat uns lange beschäftigt. Nicht weil wir nicht kreativ wären, sondern weil unsere Kreativität an einem System hängt, das nicht für lineare Einzelprojekte gebaut ist.

Was dabei kaputtgehen kann, ist das Selbstbild als kreative Person. Wenn Projekte ständig scheitern, wenn Ideen verschwinden, wenn fertige Dinge nicht existieren, dann liegt der Schluss nahe: Vielleicht kann ich das nicht, vielleicht bin ich doch nicht kreativ oder ist es Faulheit. Dabei ist es ist keine Faulheit, keine Unfähigkeit sondern es ist ein strukturelles Missverhältnis zwischen dem, was Kreativprojekte in unserer Gesellschaft verlangen, und dem, was ein DIS-System leisten kann, ohne sich selbst zu verbiegen. Dabei wäre es so einfach, wenn wir einfach aufhören würden, Kreativität durch die Linse von Einzelpersonen zu betrachten.

Ein System ist kein einzelner Mensch und braucht andere Bedingungen, andere Werkzeuge, andere Erwartungen an sich selbst. Und manchmal braucht es einfach einen Ort, an dem alle Innies etwas hinterlassen dürfen, aber ohne dass daraus etwas „werden“ muss.

Unperfekt mit DIS - Kreativität

Kreativ sein mit DIS – Orientierung ohne Schritt-für-Schritt

Wir werden hier keine Schritt-für-Schritt-Anleitung geben. Nicht weil wir nicht wollen, sondern weil eine Anleitung für kreative Arbeit mit DIS voraussetzt, dass alle Systeme gleich funktionieren… und das tun sie nicht. Was für uns klappt, klappt vielleicht nicht für euch und was heute hilft, hilft morgen vielleicht nicht mehr. Stattdessen ein paar Orientierungspunkte. Dinge, die wir ausprobiert haben und über die nachzudenken sich gelohnt hat.

Orientierung zum Ausprobieren

Der erste Punkt: Kleine Einheiten schlagen große Projekte fast immer. Ein Projekt, das in zehn Minuten beginnt und endet, übersteht meistens einen Innie-Wechsel. Ein Projekt, das drei Monate braucht, tut es evtl. nicht. Das bedeutet nicht, dass große Projekte unmöglich sind, aber sie brauchen ein System dahinter, das explizit für Vielheit gebaut ist. Dokumentation, was bisher passiert ist, Notizen, warum das wichtig ist, kleine Anker, die auch der nächsten Innie sagen: Hier ist was Schönes. Schaut mal kurz rein.

Der zweite Punkt: Kreative Werke dürfen Fragment bleiben. Diese Idee kollidiert hart mit dem, was uns Produktivitätskultur beibringt, aber ein Gedicht, das drei Zeilen hat und nie mehr wird, ist trotzdem ein Gedicht. Eine Skizze, die nie fertig gezeichnet wird, ist trotzdem eine Skizze. Wenn wir anfangen, Fragmente als vollwertige Ausdrucksformen zu behandeln, ändert sich etwas, denn es gibt weniger zu verlieren und es gibt mehr zu finden.

Der dritte Punkt ist vielleicht der wichtigste: Kreativität im System kann kollektiv sein, aber das muss explizit entschieden werden. Ein System, in dem jeder Innie einfach macht, was er will, produziert Chaos, aber in einem System, in dem Innies sich absprechen können (über welches Medium auch immer) kann gemeinsam erschaffen. Das setzt allerdings voraus, dass Innenkommunikation möglich ist, dass es Strukturen gibt und dass kreative Arbeit als Systemaufgabe betrachtet wird, nicht als Einzelleistung. Wie das konkret aussehen kann, ist so individuell wie Systeme selbst. Manche nutzen ein Kreativ-Notizbuch, das alle beschreiben dürfen, während andere eine digitale Sammelstelle haben. Wieder andere machen nichts Explizites und trotzdem entstehen Dinge, weil der Raum einfach da ist.
Kein Richtig, kein Falsch, sondern nur Neugier darüber, was für euch geht.

Fragmente beim kreativ sein mit DIS

Wir haben hunderte angefangene Projekte – Und das ist okay

Vielleicht gibt es gerade bei euch einen Ordner voller Fragmente, eine Schublade mit halbfertigen Dingen, ein Notizbuch, das drei verschiedene Handschriften zeigt oder einen Soundtrack, den irgendjemand aus dem System angefangen hat und den niemand mehr zu Ende bringen wird.

Das alles gehört dazu, wenn man kreativ mit DIS ist. Nicht in Trotz, nicht als Aufmunterung, sondern einfach als das, was es ist, nämlich Ausdruck von Vielheit. Beweis, dass da etwas ist, das erschaffen will. Dass irgendjemand in euch eine Idee so wichtig fand, dass er sie angefangen hat. Fertig ist ein Konzept aus einer Welt, die für Einzelpersonen gebaut wurde, aber ihr seid keine Einzelperson. Was auch immer gerade in eurer inneren Welt entsteht, entstanden ist, oder eines Tages entstehen wird: es darf existieren, ohne fertig zu sein.

Und wenn ihr einen Ort braucht, an dem Fragmente Platz haben, das Inside Out Journal ist genau dafür gemacht. Nicht als Produktivitätstool, sondern als Raum fürs kreativ sein, denn Kreativ mit DIS zu sein ist kein Defizit, sondern Vielheit, die sich einen Ausdruck sucht.

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