Lost Time bei DIS – Ursachen, Folgen und wie wir damit leben
Lost Time bei DIS ist normal.
Eine Stunde weg. Der Körper sitzt, der Verstand ist wo anders. Plötzlich merkt ihr: Ihr habt keine Ahnung, was gerade passiert ist, was der Körper getan hat, mit wem er gesprochen hat.
Erinnerungslücken, das Symptom, das in jedem Hollywood-Film zum Zeichen von Wahnsinn gemacht wird. Aber hier ist die Wahrheit: Erinnerungslücken sind bei DIS völlig normal. Sie sind nicht ein Zeichen von Gefahr, nicht Wahnsinn, sondern ein Bewältigungsmechanismus eures Nervensystems.
Diese Woche sprechen wir über Lost Time, über Flashbacks, über das, was euer System tut, wenn es zu viel wird. Nicht um euch Angst zu machen, sondern um euch zu helfen das zu verstehen, was mit euch passiert.
Und vor allem: um euch zu sagen, dass ihr damit nicht allein seid.
Was ist Lost Time bei DIS wirklich?
Definition – Und warum sie nicht vollständig ist
Erinnerungslücken oder „Lost Time“, wie viele es nennen, sind Zeiträume, an die sich eine Persönlichkeit nicht erinnert. Der Körper war aktiv, aber der Verstand war weg. Ein anderer Innie hat übernommen oder das System war so dissoziiert, sodass niemand richtig präsent war.
Das kann fünf Minuten sein, aber es kann auch fünf Stunden oder ein ganzer Tag sein. Und ja, das fühlt sich anfangs verstörend an. Der erste Gedanke ist oft:
„Was habe ich getan? Habe ich jemanden verletzt? Habe ich etwas Schlimmes getan?“
Hier kommt die Entschärfung: Nein. Vermutlich nicht. Lost Time ist nicht das, was Hollywood euch zeigt. Es ist nicht wild und unkontrolliert, sondern es ist ein Schutzreflex.
Die Grauzone der Dissoziation – nicht alles ist gleich
Aber hier ist die wichtige Differenzierung: Lost Time ist nicht immer ein kompletter Blackout. Es gibt verschiedene Variationen, und nicht jede Erinnerungslücke funktioniert gleich:
Volle Amnesie (Dark Time)
Der Körper ist aktiv, aber euer bewusstes Ich/Wir hat null Zugriff. Wenn ihr wieder „erwacht“, ist alles weg. Keine Fragmente, keine vagen Erinnerungen, sondern nur Leere. Das ist die intensivste Form und oft die verstörendste.
Partielle Lost Time
Hier habt ihr vage Fragmente. Ihr erinnert euch an einzelne Wörter, an ein Gefühl, an eine Farbe, aber nicht an die Gesamtsituation. Es fühlt sich an wie ein Film mit vielen Schnittfehlern: einzelne Szenen sind da, aber die Geschichte ergibt keinen Sinn.
Co-Bewusstsein mit Amnesie
Das ist tückisch: Mehrere Innies sind gleichzeitig „online“, aber nicht alle haben Zugriff auf die gleichen Informationen. Ein Innie sieht und hört, kann aber nicht eingreifen. Ein anderer steuert den Körper, weiß aber nicht, dass jemand anderes da ist. Das führt oft zu innerer Verwirrung und kann verstörender sein als ein reiner/kompeletter Blackout.
Dissoziierte Präsenz
Der Körper ist im Raum, aber euer Bewusstsein ist abgelöst. Ihr seid „dabei“ und erinnert euch später vielleicht sogar daran, aber es fühlt sich an, als hätte jemand anderes das erlebt. Der Körper ist fremd. Die Handlungen sind fremd. Das nennt sich Depersonalisation und ist besonders verwirrend.
Warum das wichtig ist?
Nicht jede Erinnerungslücke ist gleich verstörend, aber alle verdienen Verständnis. Hybrid-Systeme, bei denen mehrere Innies gleichzeitig präsent sind, erleben Lost Time anders als fully switched Systeme. Viele Leser:innen wissen nicht, welche Variante sie haben und genau darum geht es in diesem Abschnitt.
Beispiel aus unserer Erfahrung:
Bei uns sieht Lost Time unterschiedlich aus. Manchmal switcht Romy und hat keinen Zugriff auf die letzten Stunden, kompletter Blackout. Manchmal ist Pia selbst „dabei“, aber dissoziiert, wie durch eine Glasscheibe. Sie sieht den Körper agieren, kann aber nicht eingreifen. Das fühlt sich unterschiedlich an und braucht unterschiedliche Strategien. Manchmal ist der Blackout weniger verstörend als die erzwungene Zuschauer-Position.

Warum passiert Lost Time bei DIS?
Das Nervensystem als Überlebensmechanismus
Das Nervensystem reagiert auf Überlastung. Wenn der äußere Druck zu groß wird, wenn Trigger zu präsent sind, wenn die Situation zu sehr wie das ursprüngliche Trauma aussieht, dann sagt euer Gehirn:
„Stopp. Das ist zu viel. Ich schalte ab.“
Das ist nicht Wahnsinn, sondern evolutionäre Intelligenz. Das ist euer Körper und euer Geist, die sagen:
„Ich kann das nicht verarbeiten. Jemand anderes muss das machen.“
Und genau darum geht es bei DIS: Das System verteilt die Last. Ein Innie kann mit Alltag umgehen, der andere mit Trauma-Verarbeitung, der dritte mit Sicherheit. Wenn ein Innie überfordert ist, tritt ein anderer ein. Und wenn der Druck ZU GROSS wird, dann schaltet das System auf „Notfall“: Lost Time. Der Körper funktioniert, aber das bewusste Ich/Wir ist offline.
Was passiert neurobiologisch?
Okay, kleine Wissenschaftslehre, aber versprochen: nicht zu technisch, dennoch genug um zu verstehen, dass das kein Defekt ist.
Amnestic Barriers
Das sind natürliche „Wände“ zwischen euren verschiedenen Innies. Sie sind nicht böse, keine Fehler, sondern sie sind Schutz. Wenn ein Innie etwas Traumatisches erlebt, braucht er für die nächsten Stunden oder Tage nicht daran gedacht zu werden, während ein anderer Innie im Alltag funktioniert. Die Amnestic Barrier hält sie getrennt. Das System sagt: „Das Trauma ist für diese Person gerade nicht relevant. Dieser Innie braucht sich nicht damit zu beschäftigen.“
Das ist nicht pathologisch, sondern das ist praktisch.
State-Dependent Memory
Ein Innie kann sich an Dinge erinnern, aber nur „in seinem Zustand“. Wenn Innie A Angst hatte, als etwas passierte, kann er sich möglicherweise nur erinnern, wenn er wieder Angst fühlt. Der Körper speichert die Erinnerung ab, aber mit einem „emotionalen Passwort“. Das ist, warum manche Innies „plötzlich“ Erinnerungen bekommen, denn sie sind in den gleichen emotionalen oder körperlichen Zustand gekommen, in dem die Erinnerung gespeichert wurde.
Nervous System Switching
Wenn das System switcht, passiert nicht nur psychologisch etwas. Der Körper ändert sich. Die Herzfrequenz kann sich verändern, die Augenbewegungen sind anders, die Handschrift kann komplett anders aussehen, sogar die Atemfrequenz variiert. Das ist nicht „So tun als ob“, sondern das ist physisch messbar. Das ist euer biologisches System, das sagt: „Jetzt bin ich eine andere Konfiguration.“
Und wenn das System in einem Moment nicht mit einer Situation umgehen kann, switcht es zu Lost Time. Der Körper funktioniert im „Auto-Pilot-Modus“, während das bewusste System sich erholt.

Das Wichtigste bei Lost Time bei DIS: Ist das Gefahr?
Nein. Das ist das entscheidende Stück Information:
Lost Time bedeutet nicht, dass ihr eine Gefahr für andere seid.
Wenn das System switcht, übernimmt ein anderer Innie. Er hat eigene Ziele, eigene Wertvorstellungen, eigene Grenzen. Er wird nicht plötzlich zu einem Monster. Die Hollywood-Version, in der ein „böser Innie“ den Körper übernimmt und Chaos anrichtet… das ist Fiktion und Film-Drama als Entertainment.
Das Gegenteil ist oft wahr: Die Innies, die während Lost Time präsent sind, sind oft überprotektiv. Sie passen auf den Körper auf, halten Grenzen ein und schützen. Der Innie, der während Lost Time aktiv ist, tut das nicht, weil der „vordere“ Innie weg ist, sondern WEIL er weg ist und sich der Körper nicht überfordert werden darf.
Lost Time ist eine Schutzreaktion, keine Gefährdung.
Flashbacks – komplexer als viele denken
Was sind Flashbacks wirklich?
Hier ist die wichtigste Unterscheidung: Flashbacks ≠ Erinnerungen.
Euer Körper erinnert sich. Auch wenn euer bewusstes Ich/Wir das nicht tut.
Flashbacks sind Momente, in denen euer Nervensystem in die Vergangenheit springt. Ihr sitzt sicher im Café, aber euer System sagt: „Vorsicht, das Licht hier ist genau wie damals.“ Oder: „Der Geruch… ich kenne das. Das war gefährlich.“
Plötzlich fühlt sich euer Körper wie im Trauma an. Euer Herzschlag schneller, euer Atem flach, euer Verstand verwirrt: „Aber wir sind sicher. Warum fühle ich mich bedroht?“
Das ist ein Flashback. Nicht eine Erinnerung, die sich anfühlt wie Vergangenheit, sondern eine Erinnerung, die sich anfühlt wie Gegenwart.
Flashbacks bei DIS – mehrere Perspektiven gleichzeitig
Bei nicht-DIS-Menschen ist ein Flashback schon verstörend. Aber bei DIS wird es komplizierter, weil ihr nicht eine Person mit einer Erinnerung seid, sondern ein System mit vielen Erinnerungen, vielen Triggern und vielen Reaktionen gleichzeitig.
Die klassische Situation:
- Innie A, der das Trauma durchlebt hat, flashbackt.
- Innie B, der nach dem Trauma übernommen hat, versucht zu helfen, aber hat Verständigungsprobleme mit Innie A.
- Innie C switcht herein, weil die innere Aufregung zu groß wird.
- Der Körper sitzt immer noch im Café und ist komplett verwirrt, warum die „Person“ auf dem Stuhl plötzlich hyperventiliert.
Das ist nicht Kontrollverlust. Das ist ein System, das versucht, mehrere Notlagen gleichzeitig zu managen. Und ja, es ist verstörend.
Das Wichtigste über Flashbacks
Flashbacks können verstörend sein, ja. Aber sie sind nicht Wahnsinn, sondern sie sind euer Nervensystem, das euch beschützen will. Es sagt: „Aufpassen! Das könnte gefährlich sein!“
Es irrt sich manchmal, denn das Café ist nicht gefährlich, aber die Absicht dahinter ist richtig und hier ist das Wichtigste:
Mit Flashbacks könnt ihr arbeiten. Mit Trigger-Listen, mit innerer Kommunikation, mit professioneller Unterstützung könnt ihr lernen, euer Nervensystem zu beruhigen. Es kann Jahre dauern, aber es ist möglich.

Lost Time bei DIS – Wie wir damit umgehen
1. Dokumentation & Tracking – Sicherheit durch Wissen
Wir haben ein System, das wir regelmäßig nutzen: Wir dokumentieren, wenn Lost Time passiert. Nicht aus Angst oder Kontrollzwang, sondern zur Orientierung.
Wir notieren:
- Wann? (Uhrzeit, Dauer)
- Was war vorher? (Was habe ich/wir gemacht?)
- Was war der potenzielle Trigger? (Kontext, Gefühle, Situationen)
- Wie hat sich der Körper danach angefühlt? (Müde? Verängstigt? Verstört?)
Das hilft uns, Muster zu sehen. Und Muster bedeuten Vorhersehbarkeit. Und Vorhersehbarkeit bedeutet Sicherheit.
Das Inside Out Journal hilft uns dabei. Wir haben Seiten, auf denen wir Lost Time notieren können, ohne zu urteilen. Nur Fakten und Information. Im Laufe der Zeit sehen wir: „Lost Time passiert am häufigsten, wenn wir müde sind und einen bestimmten Trigger erleben.“ Das ist wertvoll Wissen.
Dokumentations-Beispiel:
Datum: 01.02.2026 Uhrzeit: 14:30 – 16:00 (90 Minuten) Vorher: Serie geschaut Mögliche Trigger: Stimme des Schauspielers ähnelte Trigger-Person Körper-Zustand nachher: Müde, desorientiert Notiz: Muster erkannt – Stress + Trigger = höheres Risiko

2. Trigger-Listen & Grenzen setzen – nicht Schwäche, sondern Weisheit
Wir kennen unsere Trigger. Und wir versuchen, sie zu vermeiden, nicht weil wir zu schwach sind, sondern weil es weise ist.
Wenn Dinge, die triggern, vermeidbar sind, vermeiden wir sie. Punkt. Das ist nicht Lebensangst, sondern intelligente Selbstfürsorge. Wenn ihr wisst, dass eine bestimmte Person oder ein bestimmter Ort euer System überfordert, macht es keinen Sinn, sich dort zu exponieren.
Und wir kommunizieren das. Mit unserem sozialen Umfeld, mit unseren Therapeut:innen und mit uns selbst. Das sieht bei uns so aus:
„Ich brauche für die nächsten zwei Tage Ruhe. Ein großes soziales Event würde uns zu viel triggen. Können wir eine kleinere Alternative machen?“
Das ist nicht Vermeidung im pathologischen Sinne, denn das ist Grenzen setzen.
3. Triggererkennung konkret – die Zeichen kennen
Okay, aber wie erkennt man Trigger überhaupt? Hier sind konkrete Beispiele, die bei vielen DIS-Systemen auftauchen:
Sensorische Trigger:
- Ein bestimmter Duft (Aftershave, Parfüm, sogar Seife)
- Spezifisches Licht (Kerzenlicht, rotes Licht, Dunkelheit)
- Ein Geräusch (Schritte, Türen, bestimmte Musik)
- Eine Berührung (unerwartet berührt werden, fester Griff)
Emotionale Trigger:
- Ablehnung oder Kritik
- Kontrollverlust (Pläne ändern sich plötzlich)
- Unsicherheit oder Ungewissheit
- Hilflosigkeit
- Unterbrechungen bei konzentrierter Arbeit
Körperliche Trigger:
- Hunger oder niedriger Blutzucker
- Schlafmangel (MAJOR!)
- Schmerz
- Bestimmte Körperpositionen
- Sexuelle Stimulation
Kontextuelle Trigger:
- Jahrestage des Traumas
- Bestimmte Orte (wo das Trauma geschah oder ähnlich aussieht)
- Bestimmte Personen (Ähnlichkeiten zu Täter:innen)
- Machtdynamiken (hierarchische Situationen, Befehle)
- Enge oder Auswegslosigkeit
Beispiel aus unserer Erfahrung:
Bei uns triggert oft: bestimmte Musikgenres (erinnert an Situationen), bestimmte Tageszeiten (wenn die Müdigkeit hoch ist), oder wenn andere unsere Grenzen nicht akzeptieren. Das zu wissen hilft. Wir können dann proaktiv handeln, indem wir z.B. unsere Musik-Playlist kontrollieren oder am Abend besser auf uns achten.
4. Innere Kommunikation – die Basis von allem
Das wichtigste Tool ist auch das einfachste: Wir reden miteinander.
Die Innies, die Lost Time haben, müssen mit denen reden, die den Körper hatten. Was passierte oder wurde getan? Was ist sicher? Das verhindert nicht Lost Time, aber es verhindert Panik und schafft Vertrauen.
Bei uns sieht das so aus:
- Schreiben im Journal (für Innies, die verbal nicht kommunizieren können)
- „Inneres“ Sprechen (im Kopf miteinander reden)
- Vereinbarte Signale (ein bestimmter Song = bestimmter Innie möchte reden)
- Gemeinsam schreiben (wechselweise, wenn der Körper Zeit hat)
Je mehr innere Kommunikation, desto sicherer fühlt sich jeder Innie. Und je sicherer das System sich fühlt, desto weniger Lost Time braucht es.
5. Professionelle Unterstützung
Therapeut:innen, die DIS verstehen, sind Gold. Nicht um euch zu „heilen“, denn die DIS wird nicht „geheilt“, sondern um euch zu helfen, mit euren Symptomen besser zu leben.
Was kann helfen:
- EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing): Kann Trauma-Erinnerungen weniger triggery machen
- IFS (Internal Family Systems): Direkte Arbeit mit euren verschiedenen Innies
- DBT (Dialectical Behavior Therapy): Besonders gut für Grounding und Emotional Regulation
- DIS-informierte Körperarbeit: Somatic Experiencing, wobei der Körper verstanden wird als Speicher
Das Wichtigste: Therapeut:innen sollten DIS verstehen. Nicht alle tun das. Findet jemanden, der mit eurem System arbeitet, anstatt gegen es.
6. Was tun, wenn Lost Time bei DIS GERADE passiert?
Das ist für viele Leser:innen die aktuellste Frage: „Ich bin gerade mitten in Lost Time oder kurz davor. Was soll ich TUN?“
WENN IHR NOCH HYBRID-SYSTEM SEID UND TEILBEWUSSTSEIN HABT:
Grounding-Techniken:
- 5-4-3-2-1 Sinne-Check: 5 Dinge sehen, 4 Dinge berühren, 3 Dinge hören, 2 Dinge riechen, 1 Sache Dankbarkeit. Das bringt euch zurück in den Körper.
- Kaltreiz: Kaltes Wasser ins Gesicht oder kalter Gegenstand in der Hand. Euer Nervensystem bemerkt: „Moment, Gegenwart ist sicher.“
- Grounding-Worte: „Ich bin sicher. Ich bin [Name/Jahr]. Ich bin in [Ort]. Es ist [Uhrzeit].“
Notfall-Karte tragen:
Wenn Lost Time wahrscheinlich ist, tragt eine kleine Karte im Portemonnaie der eurer Skills-Tasche:
NOTFALL: Ich habe DIS. Mein Name ist [Name].
Bei Verwirrung: Ruft [Therapeut:in Name] an unter [Nummer]
Oder: [Vertrauensperson Name] unter [Nummer]
Ich bin nicht in Gefahr. Ich brauche nur Zeit und Sicherheit.
WENN LOST TIME GERADE PASSIERT UND IHR AUFWACHT:
- Zunächst: ATMEN. 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus. Euer Nervensystem ist in Alarmbereitschaft. Atmen signalisiert Sicherheit.
- Orientierung herstellen:
- Wo bin ich? (mit Augen orientieren, Hände tasten den Raum)
- Was ist die Uhrzeit? (Handy, Uhr, Frage an andere)
- Was ist das Datum? (für größere Lost Time)
- Check-in mit sich selbst:
- Wer bin ich gerade? (welcher Innie bin ich?)
- Bin ich sicher? (Körper-Scan: Schmerzen? Verletzungen? Angst?)
- Was brauche ich jetzt? (Wasser? Sicherheit? Andere Person?)
- Mit anderen Innies kommunizieren:
- „Hey, wer war gerade aktiv? Was ist passiert?“
- Wenn möglich: innere Reden, oder Journal schreiben für später
- Smartphone-Clues nutzen:
- Letzte WhatsApp/E-Mails lesen (wer hat mir geschrieben?)
- Kalender checken (was war geplant?)
- Nachrichten-Verlauf (hat ein anderer Innie geschrieben?)
- Dokumentation (jetzt oder später):
- Wie lange war ich weg?
- Wo bin ich? Was ist das Letzte, das ich erinnere?
- Wie fühlt sich der Körper an?
- Selbstberuhigung:
- Vertrauensperson anrufen (nicht immer nötig, aber beruhigend)
- Lieblings-Song, -Film, oder beruhigende Aktivität
- Journal schreiben über Gefühle
- Wissen: Das wird besser. Das ist nicht euer Fehler.
7. Selbstvergebung – das Fundament
Das wichtigste: Vergebt euch selbst.
Lost Time ist nicht euer Fehler. Flashbacks sind nicht euer Versagen. Das ist euer System, das versucht zu überleben und das verdient nicht Verachtung, sondern Verständnis.
Viele DIS-Menschen sind hart zu sich selbst:
- „Ich sollte das kontrollieren können.“
- „Andere Menschen haben Trauma und haben keine Lost Time.“
- „Ich bin eine Belastung für andere.“
Aber das ist nicht wahr. Euer System macht das beste, was es kann mit den Ressourcen, die es hat. Lost Time ist nicht ein Fehler, sondern es ist eine Lösung. Eine intelligente, wenn auch unbequeme Lösung.
Könnt ihr euch selbst mit der gleichen Nachsicht ansprechen, mit der ihr einen Freund ansprechen würdet, der Lost Time hat? Das ist der Anfang.
Häufige Fragen zu Lost Time bei DIS – klare Antworten
Wie oft ist Lost Time bei DIS eigentlich „normal“?
Es gibt kein „normal“. Manche Systeme haben täglich Lost Time, andere nur unter extremem Stress, wieder andere haben es kaum noch. Bei uns schwankt es stark, in stressigen Phasen täglich, in ruhigen Phasen vielleicht 1-2x pro Woche.
Das Wichtigste: Häufigkeit ist weniger entscheidend als Sicherheit und Alltagsfunktion. Wenn ihr täglich Lost Time habt, aber sicher seid und funktioniert, ist das okay.
Kann Lost Time bei DIS gefährlich sein?
Nicht für andere. Das ist wichtig: Lost Time macht euch nicht zu einer Gefahr für andere Menschen. Der Innie, der aktiv ist, ist nicht weniger ethisch veranlagt als der „vordere“ Innie. Er hat andere Ziele, ja, aber nicht böse Ziele.
Aber für euch selbst? Ja, potenziell. Wenn z.B. ihr am Steuer seid und Lost Time passiert, ist das gefährlich. Wenn ihr in einer unsicheren Umgebung seid, kann das problematisch sein. Das ist, warum Sicherheitsplanung so wichtig ist, nicht weil Lost Time an sich gefährlich ist, sondern weil die Umgebung während Lost Time unsicher sein kann.
Ist Lost Time bei DIS heilbar?
„Geheilt“ wird es vermutlich nicht, denn ihr seid DIS-Menschen, nicht eine Person, die Heilung in die „Original-Konfiguration“ zurück bedeutet.
Aber: Mit innerer Kommunikation und Trigger-Arbeit kann Lost Time drastisch reduziert werden. Viele von uns haben Jahre gebraucht, aber die Verbesserung ist spürbar.
Bei uns konkret: Vor 3 Jahren hatten wir ständig Lost Time, oft sogar 4-5 Stunden pro Tag. Heute ist es vielleicht 4-5x pro Monat, manchmal gar nicht. Nicht perfekt, aber ein riesiger Unterschied. Das kam nicht von Therapie allein, sondern von Geduld, Dokumentation, innerer Arbeit und dem Verstehen unserer Trigger, natürlich gemeinsam mit unserer Therapeutin.
Verliere ich dabei „Zeit“ (wirklich)?
Ja und nein. Die Zeit vergeht, aber euer bewusstes Ich/Wir erinnert sich nicht. Der Körper hatte Erlebnisse, die für euch „Blackout“ sind.
Für den Rest der Welt ist die Zeit einfach vorbei. Aber für euch ist sie weg. Das ist ein wichtiger psychologischer Unterschied. Und ja, das ist verstörend und fühlt sich auch oft so an.
Ist Lost Time bei DIS Kontrollverlust?
Nicht im klinischen Sinne. Euer System NUTZT Lost Time zur Kontrolle, um Überlastung zu vermeiden. Das ist intelligente Überlebensstrategie, nicht Kontrollverlust, auch wenn sich das subjektiv so anfühlt.
Ein anderer Innie übernimmt, weil der erste Innie zu überfordert ist. Das ist das System, das sich selbst schützt. Nicht Kontrollverlust, sondern eigentlich das Gegenteil.
Warum passiert mir das ausgerechnet mir? Bin ich defekt?
Nein. Ihr seid nicht defekt. Ihr seid überlebenskreativ.
DIS entwickelt sich nicht wegen Schwäche. Es entwickelt sich, weil euer System intelligent genug war, unter extremem Trauma einen Weg zu finden, zu überleben. Das ist keine Pathologie, sondern das ist Physiologie unter Extrembedingungen.
Ihr seid nicht kaputt. Ihr seid ganz, nur anders konfiguriert.
Lost Time bei DIS – Sicherheitsplanung
Okay, das ist der praktische Teil: Wie baut man einen Sicherheitsplan gegen Lost Time auf? Nicht um Lost Time zu verhindern, denn das funktioniert nicht, sondern um sicher zu sein, wenn es passiert.
Phase 1: PRÄVENTION
Was sind eure Top 5 Trigger?
Schreibt sie auf:
1. [Trigger A] – wie oft triggert das?
2. [Trigger B] – was passiert danach?
3. [Trigger C] – kann ich das vermeiden?
4. [Trigger D] – unterstützen andere Innies dich dabei?
5. [Trigger E] – wie merke ich, dass ich getriggert bin?
Trigger-Vermeidungs-Strategie:
- Welche Trigger sind vermeidbar? (z.B. bestimmte Orte, Personen)
- Welche sind unvermeidbar? (z.B. Jahrestag, Arbeitssituation)
- Für unvermeidbare Trigger: Wie kann ich mich darauf vorbereiten?
Selbstfürsorge-Maßnahmen (regulär, nicht nur bei Krise):
- Ausreichend Schlaf (MEGA wichtig! Übermüdung = höheres Risiko)
- Regelmäßige innere Kommunikation
- Stressabbau (Sport, Meditation, Zeit in der Natur, Kreativität)
- Gutes Essen (niedriger Blutzucker = Trigger)
- Soziale Unterstützung (mit Vertrauenspersonen regelmäßig Zeit verbringen)
Phase 2: DEESKALATION
Das sind die Zeichen, dass Lost Time wahrscheinlich wird:
- Mehrere Trigger gleichzeitig
- Innere Unruhe, viele Innies „reden durcheinander“
- Körperliche Zeichen (Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Zittern)
- Plötzliche Müdigkeit oder Hyperaktivität
- Zeit wird „fuzzy“ (ihr verliert den Überblick über Zeit)
Was tun dann?
- Pausen machen: 5-15 Minuten aus der Situation raus
- Grounding: 5-4-3-2-1 oder kaltes Wasser
- Mit System reden: „Hey, wie geht’s euch? Braucht jemand was?“
- Rituale: Lieblingsmusik, Tee, eine Decke
- Therapeut:in kontaktieren: „Wir merken, dass es eng wird. Können wir kurzfristig telefonieren?“
Phase 3: NOTFALL
Das haben wir oben schon genauer beschrieben, aber das Notfall-Toolkit ist hier euer Freund.
Heilung oder Reintegration?
Ist Lost Time bei DIS überhaupt „heilbar“?
Nein und ja. Das ist kompliziert.
Nein, weil „Heilung“ für DIS-Menschen bedeuten würde, wieder eine einzelne Person zu sein. Das ist, aus unserer Sicht, weder wahrscheinlich noch erstrebenswert. Ihr werdet nicht „genesen“ von DIS, indem ihr zur früheren Version von euch zurückkehrt, die nie wirklich entstehen konnte.
Aber ja, weil Lost Time drastisch reduziert werden kann und euer Leben sich dabei massiv verändern kann. Nicht weil das Problem verschwindet, sondern weil ihr lernt, damit zu leben und damit umzugehen.
Der Weg in Phasen
Kurzziel (Wochen bis Monate):
- Sicherheitsplanung etablieren
- Trigger-Wissen aufbauen
- Erste innere Kommunikation
- Verständnis: Lost Time ist nicht Kontrollverlust
Mittelfrist (6-18 Monate):
- Innere Kommunikation wird stabiler
- Lost Time-Häufigkeit sinkt
- Ihr versteht euer System besser
- Erste innere Kooperation
Langfrist (Jahre und länger):
- Mit Lost Time leben KÖNNEN
- Möglicherweise zunehmende Integration (Innies arbeiten mehr zusammen)
- Lost Time wird seltener und weniger verstörend
- Normale Alltagsfunktion
Wichtig: Das ist nicht linear. Es wird besser, dann schwieriger, dann wieder besser. Das ist normal.
Lost Time bei DIS – Unser Weg
Bei uns konkret hat sich so entwickelt:
- Vor 3 Jahren: Tägliche Lost Time (4-5 Stunden), extreme Angst, keine innere Kommunikation, häufig Flashbacks
- Nach 6 Monaten Therapie: Still täglich Lost Time, aber etwas weniger lange, erste innere „Gespräche“ möglich
- Nach 1 Jahr: 3-4x pro Woche Lost Time, innere Kommunikation regelmäßig möglich, Trigger-Muster erkannt
- Nach 2 Jahren: 2-3x pro Woche, viel besseres Verständnis, Pro-aktive Trigger-Vermeidung möglich
- Jetzt (3 Jahre): 2-3x pro Monat, stabileres inneres System, Lost Time ist immer noch da, aber oft kein zentrales Problem mehr
Das war nicht geradlinig. Es gab Rückschritte, Krisen, Momente, in denen wir dachten, es wird nicht besser. Aber über die Zeit: Es wurde besser.
Flashbacks & Trauma-Integration – die tiefere Arbeit
Flashbacks sind eng mit Lost Time verbunden, deshalb noch ein tieferes Wort dazu.
Können Flashbacks integriert werden?
Ja, aber nicht, indem sie „weggehen“. Sondern indem sie weniger aktivierend werden.
Therapeutische Arbeit mit EMDR oder anderen Trauma-Therapien kann eine Erinnerung „de-sensibilisieren“. Die Erinnerung bleibt, denn ihr habt nicht vergessen, aber euer Körper fühlt sich nicht mehr wie unter Angriff, wenn ihr an sie denkt.
Das ist nicht Verleugnung, sondern das ist Integration. Ihr könnt an das Trauma denken, ohne dass euer Nervensystem in Überlebensmodus schaltet.
Fazit – ihr seid nicht allein
Erinnerungslücken sind verstörend. Ja. Aber sie sind nicht das, was die Filme über euch sagen. Sie sind nicht Gefahr, nicht Wahnsinn, denn sie sind euer Nervensystem, das arbeitet, das schützt, das überlebt.
Ihr seid nicht allein damit. Und es gibt einen Weg. Nicht immer einen einfachen, nicht immer einen schnellen, aber einen Weg.
Wir sind hier. Und wir verstehen, wie es sich anfühlt. Lost Time, die Verwirrung danach, die Angst, was passiert sein könnte. Wir kennen das und wir können euch sagen: Es wird besser. Nicht perfekt. Aber besser.
Ihr findet euren Weg. Mit Struktur, mit Vertrauen, mit Zeit.
Und falls ihr Unterstützung braucht, um eure Lücken zu dokumentieren und Trigger zu verstehen: Unser Inside Out Journal ist u.a. genau dafür da. Nicht als Lösung. Als Begleiter.
Lost Time bei DIS – Ressourcen & Unterstützung
Tools, die wir nutzen
- Inside Out Journal – zum Dokumentieren und mit sich selbst kommunizieren
- DISafety Kit – Persönlicher Krisen-Notfall-Plan
- Grounding Übungen – Kleine Übungen für jeden Tag
Dieser Artikel wurde geschrieben von Nika Vida (Die Nikas) – DIS-Aufklärung aus erster Hand. Wir sprechen nicht ÜBER DIS-Menschen, wir sprechen ALS DIS-Menschen. Be many like it’s magic!

