Politik und Business mit DIS: Schweigen ist keine Option

Politik und Business mit DIS:
Dieser Artikel entstand als Beitrag zur Blogparade „Politik und Business“ von Antonia Pointinger, Café Ruhepol.
Die Frage, ob Business unpolitisch sein kann, hat uns sofort erwischt.
Spoiler: Nein. Erst recht nicht, wenn man ein DIS-System ist.

Wir werden regelmäßig gefragt, ob wir wirklich so viel über DIS reden müssen.
Ob das nicht etwas sehr Persönliches ist. Etwas, das man lieber für sich behält. Und ob wir nicht Angst haben, potenzielle Kooperationspartner:innen zu verschrecken. Ob ein Content-Business über dissoziative Identitätsstruktur wirklich professionell wirkt.

Unsere Antwort:
Ja, müssen wir.
Nein, haben wir keine Angst.
Und die Frage selbst ist das Problem.

Denn sie setzt voraus, dass Sichtbarkeit für DIS-Menschen ein Luxus ist. Eine Wahl. Ein persönliches Statement, das man sich leisten kann oder eben nicht. Das stimmt nicht. Sichtbarkeit für DIS-Menschen ist politisch. Und unser Business ist Aufklärung. Diese beiden Dinge lassen sich nicht trennen, und wir haben nicht vor, so zu tun, als ob.

Was Politik und Business mit DIS zu tun haben

Antonia hat es in ihrer Blogparade auf den Punkt gebracht: Business findet nicht im luftleeren Raum statt. Das gilt für alle und für uns gilt es gefühlt noch mal mehr.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der DIS-Menschen im Durchschnitt 7 bis 12 Jahre warten, bis sie eine korrekte Diagnose bekommen. In der Kliniken volle Wartelisten führen und trotzdem keine traumaspezialisierten Plätze haben. In der das Modewort „Trauma“ und „Trigger“ inzwischen für alles benutzt wird, während gleichzeitig Menschen mit tatsächlichen Traumafolgen keine Plätze in der Regelversorgung finden. In der DIS als Konzept entweder bestritten oder als Spektakelthema behandelt wird, je nachdem ob gerade eine True-Crime-Doku läuft.

Das ist nicht privat, sondern strukturell und politisch.

Und wenn wir uns entscheiden, einen Blog über das Leben mit DIS zu schreiben, das Inside Out Journal zu entwickeln oder das DISafety Kit zu gestalten, dann ist das nicht nur eine persönliche Herzensangelegenheit, die zufällig online stattfindet. Das ist eine Entscheidung, in einem System sichtbar zu sein, das DIS-Menschen systemisch unsichtbar macht. Diese Entscheidung ist politisch. Jeden Tag, immer wieder.

Politik und Business mit DIS

Politik und Business mit DIS: Das System schaut weg

Das Gesundheitssystem ist gebaut für das, was schnell einzuordnen und schnell zu behandeln ist. DIS passt da nicht rein. Nicht, weil DIS-Menschen kompliziert wären, sondern weil ein System, das auf Effizienz getrimmt ist, keine Zeit hat für die Art von Zuhören, die es bräuchte.

Was wir stattdessen erleben:
Fachkräfte, die DIS zwar im Studium gehört haben, aber noch nie wirklich begegnet sind. Die unsicher reagieren, schnell weiterverweisen oder im schlimmsten Fall das, was wir mitbringen, in eine Schublade stecken, die sich nach fünfzig Minuten wieder schließt. Die gut ausgebildet sind, aber nicht in dem, was uns betrifft. Das ist kein persönliches Versagen einzelner Therapeut:innen oder Ärzt:innen. Das ist ein Ausbildungsproblem. Ein politisches Problem. Traumakompetenz ist in Deutschland kein Standard, sondern eine Spezialisierung, für die Menschen extra suchen, warten und kämpfen müssen.

Und die Politik? Die redet über psychische Gesundheit vor allem dann, wenn sie Schlagzeilen macht. Wenn jemand auffällig wird, wenn etwas schiefläuft, wenn sich Kosten anhäufen, die nicht mehr ignorierbar sind. Was in den Lücken passiert, die das System lässt, interessiert weniger. Wie viele DIS-Menschen in der Warteschleife arbeitsunfähig werden und wie viele Jahre ihres Lebens sie damit verbringen, um Anerkennung zu kämpfen, die längst selbstverständlich sein sollte. Wie viel Energie in das Erklären fließt, die eigentlich ins Leben fließen könnte.

Wir haben dazu schon ausführlicher geschrieben, in unserem Artikel über Gesellschaft und Trauma.

Was dort gilt, gilt hier genauso:
Das Problem sind nicht wir, denn das Problem ist ein kollektives Nicht-Hinschauen, das strukturell und politisch unterstützt wird.

Wenn wir also Business machen, dann machen wir es in diesem Kontext. Mit dem Wissen, dass die Sichtbarkeit, die wir aufbauen, auch ein Stück der Lücke füllt, die das System lässt. Das ist kein Held:innenmythos, sondern schlicht die Realität.

Das System schaut weg

Politik und Business mit DIS: Ein Moment, der alles auf den Punkt bringt

Wir hatten einen Begutachtungstermin, waren vorbereitet, hatten eine Begleitung dabei und dachten: das schaffen wir. Was dann passierte, war alles andere als würdevoll.

Kein „Willkommen“, keine Erklärung des Ablaufs, kein Respekt für die Tatsache, dass eine Begutachtung für traumatisierte Menschen keine neutrale Situation ist. Stattdessen ein dunkler Kellerraum, Geräusche von der Lüftung, eine Gutachterin, die uns hinter dem Bildschirm mit „Das ist ja so faszinierend aus neurologischer Sicht“ kommentierte. Die Begleitung wurde als „Begleitschutz“ bezeichnet.“.
Die DIS wurde als „multiple Persönlichkeit“ benannt, und das immer wieder.

Am Ende stand eine Entwürdigung, keine Einschätzung.

Das ist kein Einzelfall, sondern das ist System. Gutachter:innen haben Macht über Menschen in vulnerablen Situationen. Ihre Bewertungen entscheiden über Existenzen und trotzdem ist Traumakompetenz, respektvolle Sprache, der Grundsatz „wir sind keine Fälle, wir sind Menschen“ kein Standard in ihrer Ausbildung. Das ist das politische Problem, das wir meinen. Nicht abstrakt, sondern so konkret, dass man es körperlich spürt, noch Tage und Wochen danach.

Und genau deshalb benennen wir es. Im Blog, in unseren Produkten, in jedem Artikel. Weil Schweigen bedeuten würde, dass das so in Ordnung ist.
Und das ist es nicht.

Traumakompetenz

Warum wir nie die Option hatten, unpolitisch zu sein

Es gibt Businesses, die können sich heraushalten. Die können Produkte verkaufen, Dienstleistungen anbieten und dabei den eigenen gesellschaftlichen Kontext ausblenden. Klingt bequem.

Wir können und wollen das nicht. Nicht weil wir besonders mutig wären oder besonders laut, sondern weil unsere bloße Existenz als DIS-System im öffentlichen Raum bereits ein Statement ist.

Die meisten Menschen, die uns zum ersten Mal begegnen, haben ihr DIS-Wissen aus Thrillern, Detektivserien oder einem viralen TikTok-Video. Das Bild, das dabei entsteht, hat mit unserem Alltag ungefähr so viel zu tun wie Greys Anatomy mit einer echten Notaufnahme. Jedes Mal, wenn wir schreiben, sprechen oder einfach da sind, korrigieren wir dieses Bild. Ob wir wollen oder nicht.

Der Moment, in dem wir uns entschieden haben, das bewusst zu tun statt defensiv, war der Moment, in dem unser Business eine Haltung bekam. Nicht weil wir eine Agenda verfolgen, sondern weil wir aufgehört haben, uns zu entschuldigen dafür, dass wir existieren und darüber reden.

Politik und Business mit DIS

Politik und Business mit DIS: Haltung zeigen

Die meisten Business-Ratschläge gehen davon aus, dass man in einem System arbeitet, das grundsätzlich für einen funktioniert. Zeig dich, baue Vertrauen auf, werde sichtbar, wachse.

Was diese Ratschläge nicht adressieren:
Was passiert, wenn das System selbst ein Problem ist?

Als DIS-System stoßen wir regelmäßig auf Strukturen, die uns das Business schwerer machen als notwendig. Formulare, die keine plurale Identität kennen. Bankgespräche, die Kapazitätsfragen stellen, weil wir „laut Unterlagen“ von Krankheitszeiten berichten. Kooperationsanfragen, die nach einem kurzen Recherche-Klick auf unseren Blog schweigend verschwinden. Plattform-Algorithmen, die Inhalte über psychische Gesundheit systematisch drosseln.

Wir könnten das ignorieren und einfach weiterarbeiten. Manche Tage tun wir das auch, aber wir benennen es, weil Schweigen hier keine Neutralität ist. Schweigen bedeutet, dem System recht zu geben, das sagt: DIS-Menschen funktionieren im Business nicht.

Haltung bedeutet für uns deshalb nicht, jeden Post mit einer politischen Forderung zu beenden, sondern es bedeutet transparent zu machen, was uns das Arbeiten kostet und warum. Das Inside Out Journal zum Beispiel ist nicht nur ein kreatives Tagebuch. Es ist ein Werkzeug, das wir gebaut haben, weil es das nicht gab. Weil DIS-Menschen beim Selbstmanagement im Alltag systematisch vergessen werden. Das ist auch eine politische Aussage, verpackt in schönes Design.

Haltung zeigen

Politik und Business mit DIS: Verlust und Gewinn

Wir verlieren Reichweite bei Algorithmen, die „sensitive content“ abstrafen, verlieren gelegentlich Kooperationsinteressierte, die mit psychischen Themen nicht assoziiert werden wollen. Und wir verlieren die Illusion, dass wir sicherer wären, wenn wir kleiner wären.

Was wir dafür gewinnen:
Wir wissen genau, mit wem wir arbeiten. Wer zu uns kommt, kommt, weil er verstanden hat, was wir machen und warum. Das schafft eine Qualität in der Zusammenarbeit, die wir mit keinem Reichweiten-Kompromiss eintauschen würden.

Und wir gewinnen die DIS-Community. Menschen, die sonst nirgendwo das sehen, was wir zeigen. Die uns schreiben, dass sie zum ersten Mal das Gefühl hatten, dass ihr Erleben okay ist, nicht pathologisch, nicht gefährlich, nicht filmreif.
Einfach: normal, für sie.

Das ist kein Geschäftsmodell. Das ist der Grund, warum wir es tun.
Dass daraus ein Business entstanden ist, mit dem wir DIS-Menschen konkret unterstützen können, ist das Schönste daran, und das Politischste zugleich.

Politik und Business mit DIS: Was wir uns wünschen

Wir wünschen uns eine Welt, in der DIS-Menschen diesen Artikel nicht mehr bräuchten. In der ein Business über die dissoziative Identitätsstruktur kein politisches Statement mehr wäre, weil DIS so selbstverständlich bekannt und respektiert ist wie jede andere gesundheitliche Realität auch.

Konkret bedeutet das:
Traumakompetenz als Pflichtbestandteil in der Ausbildung von Fachkräften, nicht als Wahlmodul für Engagierte. Begutachtungssituationen, die traumasensibel gestaltet sind, weil das Mindeststandard ist und nicht Sonderwunsch. Eine Gesundheitspolitik, die psychische Gesundheit nicht erst dann ernst nimmt, wenn sie Schlagzeilen macht. Und eine Gesellschaft, die aufhört, DIS als Phänomen zu behandeln und anfängt, DIS-Menschen als Menschen zu behandeln.

Das ist kein utopischer Wunschzettel.
Das ist das Minimum.

Bis dahin machen wir weiter.
Laut, klar und ohne Entschuldigung.

Wünschen

Fazit: Unsere politische Entscheidung

Wer als DIS-System ein Business aufbaut, trifft von Anfang an politische Entscheidungen. Welche Sprache wir benutzen. Welche Bilder wir zeigen. Welche Annahmen wir über unser Publikum machen. Ob wir das DIS-System auf unserer Impressumsseite benennen oder nicht.

Wir haben uns entschieden: laut, klar und ohne Entschuldigung. Denn Politik und Business mit dissoziativer Identitätsstruktur sind dasselbe.

Ihr habt Fragen zu DIS oder wollt verstehen, wie der Alltag als DIS-System wirklich aussieht? Schaut in unsere Artikel über das Leben mit DIS oder direkt in unseren Info-Artikel zur dissoziativen Identitätsstruktur.

Weitere interessante Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

2 Kommentare

  1. Ihr habt ja so recht. Alles ist Haltung und alles ist Politisch. Egal was wir machen, wir zeigen etwas von uns, zeigen wie wir dazu stehen. Es nicht zu tun ist für niemanden eine Option glaub ich, für Menschen die nicht nahtlos ins System passen (tut das überhaupt irgendwer?) nochmal mehr.

    Danke für Euren Beitrag zu meiner Blogparade

  2. Danke für euer klares Statement. Auch in anderen politischen Zusammenhängen ist es so wahr: Die Frage „Muss das sein?“ ist das eigentliche Problem. Solange diese Frage gestellt wird: Ja es muss sein.

    Ich wünsche euch, dass sich die Gesellschaft euren Wünschen eher früher als später annähert.