Zimt und Zwischenräume – Eine leise Liebesgeschichte von Luise
Diese Geschichte ist von Feli geschrieben, wie auch die vorherigen aus dieser Reihe. Wir empfehlen dir vorher diese beiden Kurzgeschichten zu lesen, mit denen wir bei School of Literature die Schreib-Challenges gewonnen haben. Auch wenn diese Kurzgeschichte auch für sich alleine stehen kann, ist es für die Charaktere hilfreich Teil 1 und 2 zu lesen.
Aber jetzt geht’s los mit „Zimt und Zwischenräume – Eine leise Liebesgeschichte von Luise“!
Kapitel 1 – Vielleicht ist Nähe kein Risiko
Ich habe keine Heldinnengeschichte. Kein dramatisches Wendepunkt-Erlebnis, das alles verändert hat. Nur viele kleine Momente, manche scharfkantig, andere kaum greifbar, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin. Oder besser gesagt zu denen, die wir sind. Ja, wir sind viele. Nein, das sieht man uns nicht an. Und meistens ist das Absicht.
Ich heiße Luise. Ich bin neunundzwanzig. Ich liebe Chai-Tee mit Hafermilch, habe immer Zimt im Haus und kann bei trauriger Filmmusik nicht gut rational bleiben.
Ich lebe mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur. Kurz DIS.
Das bedeutet: Mein Innenleben ist nicht linear. Nicht eins. Es ist ein Mosaik.
Und lange habe ich geglaubt, dass mich das für immer vom echten Leben fernhalten würde. Besonders von Nähe. Von Romantik. Von „Wir“.
Bis ich Lia traf.
Aber diese Geschichte ist nicht Lias. Es ist meine. Vielleicht ist es auch unsere.
Aber heute erzähle ich sie für mich.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich sie wiedererkannte. Zwei Jahre war es her, seit sie zum ersten und letzten Mal in unserer Selbsthilfegruppe saß.
Sie hat damals nichts gesagt. Nur geschaut. Aufmerksam. Und dann war sie wieder verschwunden.
Aber ihr Blick blieb in mir. Irgendetwas in mir wusste: Da ist jemand wie wir.
Als ich sie auf der Straße sah, zögerte ich. Denn Nähe war für mich immer Risiko gewesen.
Nähe bedeutete: gesehen werden. Und gesehen werden bedeutete: entlarvt werden.
Aber irgendetwas in mir sagte leise:
Vielleicht ist sie nicht Gefahr. Vielleicht ist sie ein Echo.
Ich sprach sie an. Nur mit einem „Hallo“. Kein „Erinnerst du dich?“ Kein „Du warst doch damals …“ Nur Präsenz. Und Lia, sie blieb stehen. Sie lief nicht weg. Ihre Augen waren vorsichtig, aber nicht verschlossen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit spürte ich etwas wie Mut in meiner Brust. Kein großer Mut. Nur ein leiser, kleiner Funke. Aber genug, um zu bleiben. Wir trafen uns häufiger. In Cafés mit ruhigen Ecken. Auf Spaziergängen am Fluss. Wir sprachen wenig über das Offensichtliche. Aber wir hörten einander zu. Auch dann, wenn nichts gesagt wurde.
Ich erinnere mich an einen dieser Tage besonders. Es war kalt, ein Märztag, an dem der Himmel wie milchiges Glas über uns hing. Lia war stiller als sonst.
Ihre Schultern angespannt. Ihr Blick irgendwo zwischen Jetzt und Damals.
Ich fragte nicht. Ich bot nur einen Keks an. Zimt. Selbst gebacken.
Sie nahm ihn. Und in diesem einfachen Moment, ein zerbröselter Keks, eine vorsichtige Geste, war etwas da, das größer war als Worte. Eine Erlaubnis vielleicht. Oder ein Anfang. Ich habe gelernt, dass Liebe nicht laut sein muss. Dass Romantik keine großen Gesten braucht, sondern echtes Dasein. Dass viele sein nicht bedeutet, niemanden lieben zu können, sondern vielleicht, auf viele Arten lieben zu können.
Ich habe Angst. Immer noch. Davor, dass jemand geht, wenn wir zu ehrlich sind. Davor, dass ein Teil in mir zu laut ist. Davor, dass Nähe etwas weckt, das lange geschlafen hat. Aber mit Lia … ist die Angst nicht weg. Nur ist sie nicht allein. Neben ihr wächst etwas anderes. Ein Vielleicht. Ein zartes: „Ich sehe dich und bleibe trotzdem.“ Manchmal wache ich nachts auf und höre Stimmen in mir. Manche ängstlich. Manche hoffnungsvoll. Und manchmal auch: ganz still. Und in diesen Momenten schreibe ich. In unser Notizbuch. In mein Herz. In die Zukunft. Ich schreibe Sätze wie: „Heute hat jemand unsere Hand gehalten.“,
„Wir durften da sein, ohne uns erklären zu müssen.“, „Vielleicht ist Nähe kein Risiko. Vielleicht ist sie ein Zuhause.“.
Kapitel 2 – Vielleicht darf es echt sein
Ich hatte nie gedacht, dass Nähe so leise sein kann. So still, dass sie kaum auffällt und doch etwas verändert. Seit unserem letzten Treffen sind ein paar Tage vergangen. Nicht viele. Aber genug, damit sich etwas in mir rührt. Nicht laut. Kein Drängen. Eher ein Ziehen wie bei einer Decke, die man nachts im Halbschlaf zurechtrückt. Etwas in mir sucht nach Wärme. Ich schreibe Lia. Einfach nur „Hast du Lust, auf einen Tee zu mir zu kommen? Nur, wenn es sich gut anfühlt.“
Die Nachricht ist raus, bevor ich sie fünfmal überdenken kann. Ein Fortschritt. Oder Wahnsinn. Manchmal ist das kaum zu unterscheiden. Lia antwortet nicht sofort. Das ist okay. Wirklich. Ich sage mir, dass es okay ist. Mehrmals. Laut. Innen. Außen. Und als abends das Handy vibrierend auf dem Tisch tanzt, zucke ich trotzdem zusammen. „Vielleicht. Ich bringe Kamille mit.“
Ein Lächeln breitet sich in mir aus, zuerst hinter den Rippen. Dann in der Kehle. Dann im ganzen Körper. Kein grelles Licht. Eher wie Kerzenschein in einem Flur, den man lange nicht betreten hat.
Ich räume die Wohnung ein bisschen auf. Nicht für sie. Für uns.
Ich stelle Zimtgebäck auf den Tisch. Stille Musik in den Hintergrund. Eine Decke aufs Sofa.
„Wenn sie kommt, kommt nicht nur sie. Vielleicht auch andere.“
Eine innere Stimme. Nicht ängstlich. Nur wach.
„Dann schaffen wir einen Raum, in dem sie alle atmen können.“
Eine Antwort. Von mir? Von uns?
Als es klingelt, bin ich ruhig. Nicht sicher. Aber bereit.
Lia steht da, leicht unsicher, mit einer Teepackung in der Hand. Kamille, wie angekündigt. Ihre Augen sind müde, aber wach. Ihre Schultern angespannt. Ihre Stimme leise.
„Ich weiß nicht, wie lange ich bleiben kann. Aber ich wollte da sein.“
Ich nicke. Keine Fragen. Nur Platz.
Sie zieht die Schuhe aus. Setzt sich. Sie streicht mit der Hand über den Stoff der Decke, als würde sie spüren, ob der Moment weich genug ist. „Zimtsterne?“ fragt sie. Ein Hauch von Lächeln.
Ich nicke. „Mit echtem Zimt. Nicht mit diesem bitteren Ersatz.“ Sie lacht. Leise. Ehrlich.
Der Tee dampft zwischen uns. Und irgendetwas daran macht alles greifbarer. Wie ein Ritual, das niemand erklärt hat, aber beide kennen. Wir sprechen über Bücher. Über dumme Werbesprüche. Über den Himmel heute. Und dazwischen, diese Pausen. Nicht leer. Sondern wie Fenster, durch die man schaut, ohne sich zu verstecken „Hast du manchmal Angst, dass du zu viel bist?“ frage ich plötzlich.
Ich weiß nicht, warum ich es genau in diesem Moment sage. Vielleicht, weil es gerade passt. Vielleicht, weil sie gerade da ist. Lia schaut nicht sofort hoch. Aber ich sehe, wie sich etwas in ihr regt. Dann nickt sie.
„Oft. Und manchmal … hab ich Angst, dass ich nicht genug bin.“
Stille.
„Beides kann gleichzeitig stimmen,“ sage ich. „Und trotzdem darfst du da sein.“
Ich sehe, wie sich ihr Blick verändert. Nur ein bisschen. Weniger Flucht. Mehr Bleiben.
Und in mir regt sich etwas, das seit langer Zeit nicht da war. Kein Bedürfnis nach Kontrolle. Keine Analyse. Nur ein Wunsch: „Vielleicht können wir einfach nebeneinander sitzen. Nicht als Konzept. Nicht als Therapeutin und Klientin. Sondern als zwei Menschen, die vorsichtig glauben, dass Nähe echt sein darf.“
Als Lia später geht, umarmen wir uns kurz. Nicht fest. Nicht flüchtig. So, wie man atmet, wenn man weiß da kommt vielleicht noch etwas. Etwas Echtes.
Ich schreibe ins Notizbuch.
„Heute war sie da. Nicht ganz. Aber genug. Vielleicht sind wir auch genug.“
Und dann mache ich mir eine zweite Tasse Tee. Für mich.
Für uns. Für das Gefühl, dass Nähe kein Risiko war, sondern eine Einladung.
Kapitel 3 – Vielleicht darf es uns geben
Es sind diese Zwischenräume, in denen sich etwas verändert. Nicht die großen Szenen. Nicht die Sätze mit Punkt am Ende. Sondern die, die mit einem Komma enden. Offen. Weich. Ich sehe Lia wieder. Nicht geplant. Aber gewollt. Sie schreibt: „Magst du mitkommen? Ich hab ein Sofa entdeckt, das aussieht, als könnte man darin verschwinden. Und dazu ein Buchladen mit Tee.“
Ich sage ja. Noch bevor ich nachdenke. Weil mein Inneres flüstert:
„Vielleicht ist das ein Moment, der zählt.“
Wir laufen nebeneinander. Es regnet ganz leicht. Diese Art von Regen, die sich wie eine zweite Haut anfühlt, nicht unangenehm. Der Himmel ist grau, aber nicht bedrückend. Eher wie ein schützender Mantel über uns. Lia redet wenig. Aber ihr Blick ist klarer. Manche ihrer Sätze enden heute nicht in Flucht, sondern in Nähe. „Ich mag das. Wenn niemand was von mir will.“ Ich nicke. „Ich mag das auch. Wenn jemand einfach da ist.“ Ein kurzer Blick zwischen uns. Kein Ausweichen. Ein Erkennen.
Im Buchladen ist es warm. Wir stöbern. Schweigen. Ziehen Bücher aus dem Regal, zeigen sie einander, ohne Worte. Lachen leise über Titel, die zu kitschig sind. Bleiben stehen bei einem Band mit Gedichten.
„Magst du das?“ frage ich. „Nur, wenn es nicht auf Glück besteht.“. Ich weiß genau, was sie meint. Wir beide haben gelernt, dass nicht jedes Gedicht ein Versprechen ist. Manche sind eine Einladung.
Später sitzen wir auf dem besagten Sofa. Tee dampft in unseren Händen. Und ein Gedichtband liegt zwischen uns, aufgeschlagen. Ich lese vor. Nur ein paar Zeilen. Meine Stimme zittert leicht. Aber Lia weicht nicht zurück. Sie schaut mich an. „Deine Stimme klingt … wie Zuhause.“ Ich halte inne.
Das ist kein Nebensatz. Kein beiläufiges Detail. Das ist ein Satz, der etwas will. Etwas zeigen will. Etwas lässt. „Ich weiß nicht, ob ich Nähe gut kann,“ sagt sie leise. „Aber ich weiß, dass ich sie will. Manchmal.“
Ich nicke. „Ich weiß nicht, ob ich Liebe in der Form kann, die man erwartet. Aber ich kann Nähe, die nicht lügt.“ Ein Atemzug. Ein Flackern. Und dann legt sie ihre Hand auf meine. Langsam. Fragend. Aber mutig.
Ich drehe meine Hand, bis sich unsere Finger berühren. Nichts Spektakuläres. Aber alles. In dieser Berührung liegt keine Eile. Kein Anspruch. Nur ein Versprechen auf Jetzt.
Später, als wir draußen stehen und uns verabschieden wollen, ist es Lia, die kurz stehen bleibt.
„Wenn ich wieder wegrutsche, darf ich dann trotzdem zurückkommen?“
Ich antworte nicht mit Worten. Nur mit einem leichten Druck ihrer Hand.
Und als sie geht, spüre ich in mir etwas, das keine Angst ist. Sondern Hoffnung.
Im Notizbuch schreibe ich:
„Vielleicht ist sie nicht nur jemand, den wir lieben könnten. Vielleicht ist sie schon jemand, den wir lieben.
Nur eben auf unsere Weise.“

